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5.2017




Milano : Miroslaw Balka


von: Barbara Fässler

  
links: Miroslaw Balka · Common Ground, 2013/2016, Installationansicht Pirelli HangarBicocca, Mailand, 2017. Foto: Attilio Maranzano
rechts: Miroslaw Balka · Cruzamento, 2007 (Detail), Installationansicht Pirelli HangarBicocca, Mailand, 2017. Foto: Attilio Maranzano


In seiner Retrospektive bespielt der polnische Installationskünstler Miroslaw Balka die gigantische Industriehalle des Hangar Bicocca mit einer Via Crucis in 18 Stationen. Wie seine Titel, die aus Nummern bestehen, den Bezug zu den Körpermassen des Autors oder die Dimensionen der Werke bezeichnen, ist auch die Anzahl der Exponate kein Zufall: 1 steht für den Anfang und 8 für die Unendlichkeit. In einem Rundlauf durchqueren die Besuchenden den als Höllen- und Höhlengleichnis angelegten Parcours von der Finsternis des Leidens und der Ignoranz zum Licht der Erlösung und der Erkenntnis. Durch multisensorielle ästhetische Erfahrung der symbolträchtigen, wenngleich formal minimalen Installationen, Passagen oder Korridore werden die dramatischen Aspekte der menschlichen Existenz und der jüngeren polnischen oder europäischen Geschichte am eigenen Leib nachvollziehbar. Sogleich nach dem Eintreten durch einen auf Körpertemperatur (37°) aufgeheizten Vorhang, setzt ‹Holding the Horizon›, eine waagrechte, gelbe Linie auf einer Videowand, die Höhe der Latte fest: Es gilt, den politischen Horizont der Demokratie und eines vereinten Europas gegen alle populistischen Angriffe aufrechtzuerhalten. Der ‹Yellow Nerve›, ein um sich drehender, kaum sichtbarer gelber Faden im Kubus, schliesst den Leidensweg im einzigen beleuchteten Raum ab und unterstreicht auf fragile Weise die Gegenrichtung zum Horizont, die Vertikale des aufrechten Gangs. Die Bodeninstallation ‹Common Ground› inszeniert bildhaft mit 178 gebrauchten Fussmatten aus Warschauer Haushalten, dass die Kollektivität aus Individuen mit den unterschiedlichsten Geschichten besteht. Auch die Skulptur ‹7x7x1010›, ein Zitat von Brancusis unendlicher Säule - in welcher gebrauchte Seifen einer Perlenkette ähnlich auf einen vertikal gespannten Draht aufgezogen sind, verkörpert durch die individuelle Erinnerung jedes Seifenstücks die kollektive Geschichte. Ein schwarzer, tosender Wasserstrahl oder ein auf den Boden peitschendes Stahlseil erinnern an die Schmerzen der Menschheit, und das verkleinerte Modell des Privatzoos der Wächter im Todeslager Treblinka oder die Bodenvideoprojektion zweier Gasflammen in ‹Blue Gas Eyes› verweisen auf die Shoah. Der Künstler kommentiert die Werke wie folgt: «Die Arbeiten sollen zum Denken anregen und die Ausstellung will Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu liefern.»

Bis: 30.07.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Miroslaw Balka [16.03.17-30.07.17]
Institutionen Pirelli HangarBicocca [Milano/Italien]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Miroslaw Balka
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