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5.2017




Paris : L'esprit français


von: J. Emil Sennewald

  
links: L'esprit français · Contre-cultures, 1969-1989, links: Michel Journiac, Hommage au Putain Inconnu, 1973, Ausstellungsansicht Maison rouge, Paris. Foto: Marc Domage
rechts: L'esprit français · Contre-cultures, 1969-1989, Ausstellungsansicht Maison rouge, Paris. Foto: Marc Domage


Was haben Kiki Picasso, Lea Lublin, Raymonde Arlier gemeinsam? Es sind vergessene Künstlerinnen. Vergessen, wie der Fakt, dass man bereits vor 37 Jahren wusste, dass sich die Menschen in den Pariser Vorstädten radikalisierten. 1980 brachte Jean-Pierre Gallèpe ‹A force on s'habitue› heraus. Im Dokumentarfilm erzählen Jugendliche in der Vorstadt Aulnay-sous-Bois, wie es ist, von der Gesellschaft abgehängt zu werden. Der Film zeigt vor islamistischem Hintergrund, wie fatal Verdrängung wirkt. Auch Jules Celma, der - als Lehrer gefeuert - vor Gericht gestellt wurde, weil er sich gegen autoritär-pädagogische Dressurmethoden an Frankreichs Schulen auflehnte, ist heute kaum noch ein Begriff. Sein Buch ‹Journal d'un educastreur› war 1971 ein Aufbruch. Genauso wie die Aktion einer kleinen Gruppe von Frauen, darunter die einflussreiche Monique Wittig, die im August 1970 einen Kranz «für die Frau des unbekannten Soldaten» unter den Triumphbogen legten. Wer erinnert sich noch daran? Oder daran, wie sehr «Hara Kiri» zu Widerstand inspirierte? Dass es nach Mai 68 ‹Charlie Hebdo› wurde? Erst die Attentate 2015 erinnerten wieder an dieses «dumme und gemeine Journal». Und daran, dass sein beissender Humor, sein surreal-obszönes Treiben, sein bisweilen infantiler Stil den «esprit français» prägten. Jetzt ermöglichen zahlreiche Dokumente, Comics, Fernsehsendungen oder verrückte Bilder allen, die Lese-Ausstellungen mögen, diesen Esprit zu entdecken. Der trotzig-aufständische Geist wurde von bildenden Künstlern wie Olivier Mosset, François Morellet oder Gilles Aillaud geteilt. Die ästhetische Form der libertär-provokativen Inhalte war Bricolage - gebastelt, hybrid, anders. Zusammen mit Didi-Hubermans grosser Aufstands-Schau ‹Soulèvements› im Jeu de Paume und Antoine de Galberts Ankündigung der Schliessung der Maison Rouge im kommenden Jahr, weil sie ihm «zu institutionalisiert geworden» sei, könnte ‹L'esprit français› als Statement erscheinen. Jedoch hinterlässt der bisweilen nostalgische Ausstellungsbesuch vor allem das bedrückende Gefühl der Leere. Nichts scheint geblieben vom Aufbruch. Was die Revoluzzer aufrissen, füllten Kulturindustrie und neoliberaler Kapitalismus. Libertär wurde zu liberalem Laisser-­faire, obszön zu Porno, freies Denken zu grenzenlosem Konsum. Diese Trostlosigkeit inszeniert Claude Levèque, selbst eine Art Gestrandeter, im revolutionären Kunst-Sturm, im Keller der Maison Rouge. Zwischen Maschendrahtzäunen liegen leere Flaschen, Knallkörperreste, abgerissene Masken - das Fest ist aus.

Bis: 21.05.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen L’esprit Français [24.02.17-21.05.17]
Institutionen La Maison rouge [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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