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5.2017




Thun : Sequoiatypien


von: Stefanie Manthey

  
Eva-Fiore Kovacovsky · Sequoiatypien, 2016/17, Fotogramme von Pflanzenteilen, Cyanotypie auf Baumwolle, siebenteilig, je 294x210 cm, Courtesy Galerie Stampa


Historische Ensembles sind Konzentrate. In ihnen verdichten sich Themen und Fragen nach kulturellem Selbstverständnis, technologischem Fortschritt, wirtschaftlicher Entwicklung und Naturbewusstsein. Das Thun-Panorama im Schadaupark ist ein historisches Ensemble. Mit seinem aktuellen Projekt balanciert das Kunstmuseum Thun das Verhältnis zwischen dem Panorama im markanten Rundbau und dem Park neu aus. Es widmet der «grünen Oase» eine eigene, in drei Kapitel gegliederte Ausstellung im unmittelbar angrenzenden, leicht in die Erde eingetieften, 2014 eröffneten, vollverglasten Erweiterungsbau von Graber und Steiger. Ausgebreitet wird ein Spektrum an Bezügen und Narrativen. Dabei kommen Personen zu Wort, die bereits Teil der Geschichte des Schadauparks sind. Die Künstlerin Eva-Fiore Kovacovsky (*1980, Bern) setzt in ihrem Projekt bei historischen Parallelentwicklungen an: der Parkgründung, der zeitgleichen Erstanpflanzung der Bäume mit Unterstützung der Familie de Rougemont sowie der experimentellen Frühzeit der Fotografie. Kristallisationspunkt des Projekts ist eine semi-botanische Auseinandersetzung mit dem Thuner Exemplar eines Mammutbaums. Der wissenschaftliche Name ‹Sequioadendron giganteum› dieser botanischen Spezies geht nach heutigem Kenntnisstand auf einen Cherokee-Indianer zurück. Der erste Ortsbesuch im Jahreszeitenverlauf fand im Herbst 2016 statt. Zapfen, Blätter, einige Äste und Fotografien der Baumstruktur dienten als Ausgangsmaterial für erste Studien mit lichtempfindlichen Textilien. Dabei bezieht sich die Künstlerin auf Tapeten, wie sie im Biedermeier für Innenräume verwendet wurden. Mit dem zentralen Unterschied, dass Kovacovsky deren konven­tionelle und mantrahaft repetierte Bürgerlichkeit unaufgeregt unterwandert: im Schaffen von Mustern, im Verwenden von Naturelementen und Tageslicht sowie der Berücksichtigung der experimentellen Eigenlogik von Prozessen, die das Arbeiten mit Cyanotypien so spannend machen. Ihr Berliner Atelier transformierte sie zum Labor, in welchem sie die Textilien mit einer Lösung aus Ammoniumeisen(III)-citrat und Kaliumhexacyanoferrat präparierte, bevor sie diese für die ca. zwanzigminütigen Belichtungen je nach Wetterlage und UV-Gehalt im Aussenraum auslegte. Anschliessend wurden die Spezialvorhänge nach Thun transportiert und vor den gläsernen Wänden des erwähnten Erweiterungsbaus befestigt. Hier verweisen sie nun auf die ältesten Pflanzenarchivierungs­verfahren in Cyanblau und erweisen der menschheitsüberdauernden, klimaausbalancierenden Rarität des Mammutbaums Reverenz, von dem es in Thun noch weitere zehn Exemplare gibt.

Bis: 26.11.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Grüne Oase im Wandel [11.03.17-26.11.17]
Institutionen Thun-Panorama [Thun/Schweiz]
Autor/in Stefanie Manthey
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