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5.2017




Zürich : Sinje Dillenkofer


von: Mechthild Heuser

  
Sinje Dillenkofer, Case I 19, 2015, Schützenbecher,m aus Anlass des zehnjährigen Stiftungsschiessens der akad. Schützengilde in Innsbruck, 1909, gespendet von Erzherzog Eugen, TLMF, Historische Sammlungen, Innsbruck, 202,5 x130.5, Edition 1 von 6, Hahnemühle PhotoRag, Aluminium, Holuzrahmen ©ProLitteris


Unter dem Titel ‹Translocals› überrascht Sinje Dillenkofer (*1959, Neustadt) mit einer thematisch und technisch eindrücklichen Fotoauswahl in der Bildhalle. Durch die Schaufenster der klassisch modernen, nüchtern sachlichen Galerieräume schillern üppige Farben von Violett bis Purpur. Die satte Farbigkeit wäre nicht denkbar ohne das Trägermaterial, an das sie gebunden ist: Samt und Seide. Es sind Stoffe, die gleichsam als Insignien der Macht in die westliche Kulturgeschichte eingegangen sind und bis heute Assoziationen an höfische Traditionen auslösen.
Die bis zu zwei Meter messenden, monumentalen Tableaus von Dillenkofers locken nicht nur durch die Leuchtkraft der Farben, sondern auch durch die Detailauflösung bis in die letzten Fasern. Selbst aus unmittelbarer Nähe treten die Stoffstrukturen in lupenreiner Schärfe zutage, so als handle es sich um authentische Mate­rialproben und nicht um fotografische Abbilder. Genau in diesem technischen Kunstgriff, der von einer überragenden Beherrschung des Mediums Fotografie zeugt, zeigt sich die innovative Finesse Dillenkofers: Sie bedient sich des Trompe-l'oeil-Effekts wie vormals Künstler des Barock. Wo jene die Malerei nutzten, um dreidimensionale, plastische Effekte zu erzeugen, bedient sie sich der Fotografie und gaukelt uns eine Plastizität und Dreidimensionalität vor, die uns am liebsten ins Bild greifen lassen würde. Dass es ihr dabei gelingt, das Bildmedium, die Fotografie, unter Ausreizung ihres gesamten technischen Potenzials optisch hinter den Sujets verschwinden zu lassen, die sie abbildet, darin liegt wohl ein besonderer Coup dieser hoch artifiziellen Kunst.
Wo findet Dillenkofer ihre Bildvorlagen? Ihre Fundorte sind Archive. Dort sucht sie nach Schatullen, Etuis und Futteralen, die einst wertvolle Objekte bargen. Auf einem Ausstellungsbesuch faszinierte sie das Innenleben eines solchen Futterals, das sie als Projek­tionsfläche für eigene Fantasien nutzte und das den Anlass für ihre fotografische Arbeit lieferte.
Die Künstlerin klappt die Etuis auf und setzt sie in Szene, leuchtet sie so aus, dass ihre Tektonik genauso zum Ausdruck kommt wie ihre Patina. Alles erscheint authentisch, eine perfekte Sachaufnahme, und doch erreicht Dillenkofer mühelos die Überhöhung zur Kunst. Das gelingt ihr durch die Veränderung des Vergrösserungsmassstabs, durch die Wahl des Ausschnitts und durch die expressive Beleuchtung. Diese Behältnisse, das macht der Rundblick schnell klar, wetteifern förmlich mit der Eleganz und Schönheit jener Objekte, für deren Schutz sie geschaffen wurden und deren Form sie passgenau nachzeichnen. Es sind Preziosen sui generis.

Bis: 06.05.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Sinje Dillenkofer [25.03.17-06.05.17]
Institutionen Bildhalle [Zürich/Schweiz]
Autor/in Mechthild Heuser
Künstler/in Sinje Dillenkofer
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