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Hinweis
5.2017




Zürich : Heilige Ware


von: Mathis Neuhaus

  
Heilige Ware, 2017, Ausstellungsansichten Johann Jacobs Museum, Zürich. Foto: Sara Codutti


Erstaunlich, wie einfach es sein kann, ein haptisches Element auf überzeugende Art und Weise in die Kunsterfahrung zu integrieren. Der Abstieg in den Keller des Johann Jacobs Museum wird mit dem Hinweis eingeleitet, dass der Besuch der Ausstellung mit dem Erfüllen einer Bedingung verknüpft sei. Diese lautet: Bitte die Schuhe ausziehen. Fügt man sich der freundlichen Aufforderung, eröffnet sich ein mit weissem Teppich ausgelegtes Kellergewölbe, in dem wiederum nichts anderes als Schuhe zu sehen sind.
Während die Füsse den weichen Boden erkunden, der dem Raum eine gemütliche Aura verleiht und zum längeren Verweilen einlädt, offenbart sich auf den zweiten Blick die ungewöhnliche Materialität der ausgestellten Damenschuhe. So sind sie nicht aus Leder oder Kunststoff, sondern Papier. Imitate berühmter Silhouetten von Hermès oder Prada, die der Privatsammlung der in Hongkong lebenden Künstlerin Rosanna Wei-Han Li entstammen und eine Verbindung herstellen zwischen West und Ost, Vergangenheit und Gegenwart, Arm und Reich.
Ihren Ursprung hat die Ausstellung, die vom Philosophen und Ausstellungsmacher Wolfgang Scheppe kuratiert wurde, im chinesischen Brauch des Feueropfers. Um verstorbenen Vorfahren im Jenseits Geld oder Gebrauchswerte zu übergeben, werden detailgetreue Nachbildungen aus Papier der jeweiligen Objekte verbrannt. Heutzutage handelt es sich dabei häufig um westliche Konsumgüter wie Smartphones, teure Uhren oder eben Schuhe bekannter Marken.
Korrespondierend mit den zeitgenössischen Exponaten ist zudem - gut geschützt unter einer Glasglocke - ein papiernes Schuhmodell einer Totengabe ausgestellt, das auf das Jahr 418 datiert wird: Die Kontinuität des Kults wird mit dieser kleinen kuratorischen Geste nachvollziehbar gemacht. Der historische Bezugspunkt weist subtil auf den ungebrochenen gesellschaftlichen Einfluss des Brauchs hin. Darüber hinaus regt er dazu an, sich Gedanken über die Transformation eines konventionellen Konsumguts zu einem Markenprodukt zu machen. Dies ist denn auch der Gedanke, der haften bleibt und zur Reflexion der dahinterliegenden Prozesse anregt. Fetische, das zeigt der Besuch der Ausstellung, manifestieren sich in vielen Formen.

Bis: 14.05.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Heilige Ware [28.02.17-14.05.17]
Institutionen Johann Jacobs Museum [Zürich/Schweiz]
Autor/in Mathis Neuhaus
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