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Fokus
6.2017


 Adam Szymczyk ist mit der documenta 14 neue Wege gegangen. Nicht nur hat er mit Athen einen zusätzlichen neuen Ort erschlossen, mit seinen Inhalten durchkreuzt er auch das Format Grossausstellung. So erweist sich der Auftakt zur documenta 14 unter dem Titel ‹Learning from Athens› als Schule des Über­denkens unserer Vorstellungen von Kunst.


documenta 14 - Zeitenwende in Athen


von: Maren Lübbke-Tidow

  
links: Banu Cennetoğlu · Gurbet's Diary (27.07.1995-08.10.1997), 2016-2017, verschiedene Materialien, Gennadius-Bibliothek, Athen, documenta 14. Foto: Werner Egli
rechts: Rebecca Belmore · Biinjiya'iing Onji (Von innen), 2017, Marmor, Filopappou-Hügel, Athen, documenta 14. Foto: Werner Egli


Obwohl es mit Szymczyks Entscheidung, der documenta 14 neben Kassel mit Athen einen zweiten Ort hinzuzufügen, wohl kaum je eine radikalere kuratorische Geste in der Geschichte dieser «Weltkunstausstellung» gegeben hat, verzichtet die Ausstellung selbst auf das Spektakel. Die Spektakularisierung der Kunst aber hat seit der Finanzkrise auch den Kunstbetrieb erfasst, auch hier bildet sich ab, was gesamt­gesellschaftlich zu beobachten ist, Stichwort 99% versus 1%. Auch die Kunst befindet sich also in der Krise, denn durch die zunehmende Systemkonformität ihrer «Grossgalerievermarktungskunst» (Niklas Maak) auf der einen Seite und ihre wachsende - nicht nur ökonomisch, sondern auch ideologisch begründete - Prekarisierung auf der anderen Seite ist ihr Status mehr und mehr in Frage gestellt, kurz: Das geistige Kapital der Kunst droht auf der Strecke zu bleiben. Aus diesem Druckkessel hat Szymczyk viel Luft abgelassen, endlich, und - mehr kann man von einem Kurator nicht kriegen - eine Zeitenwende eingeläutet.

Die ausgetretenen Pfade der Rezeption verlassen
Dies ist vor allem der überaus feinsinnigen Auswahl der rund hundertfünfzig teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen geschuldet, die beide Orte - Athen und Kassel - bespielen (werden) und mit denen der Raum der Kunst als Ort des Denkens und Handelns neu sondiert wird. Die Form der Präsentation der künstlerischen Beiträge, in der auf die gewohnten museologischen Bezeichnungen verzichtet und stattdessen das aktive Sehen, Hören und Partizipieren produktiv gemacht wird, trägt dazu bei, die ausgetretenen Pfade der Rezeption zu verlassen und Kunst wieder als Möglichkeitsraum zu begreifen. Szymczyk hat es mit seinem Zugang geschafft, dass wir uns wieder unsere Fragen und Erwartungen an die Kunst vergegenwärtigen, dass wir sie im Fluss halten und produktiv machen und dass wir ihr utopische Potenzial (vielleicht) wieder neu erkennen.
Von einer «Kolonisierung des Südens» wurde im Vorfeld mit Blick auf Athen kritisch gesprochen, und ja: Die Entscheidung für Athen stellt eine Provokation dar. Denn den Gründungsmythos aufzugreifen und das Kunstpublikum an die Wiege Europas zu führen, die aber - wie an jeder Ecke dieser Stadt zu spüren ist - zugleich sozial und wirtschaftlich abgehängt ist, zwingt zur politischen Auseinandersetzung. Ob es gelingt, mit Athen einen «neuen sozialen Pakt» zu schliessen, wie Kurator Paul B. Preciado fordert, und Verantwortung zu übernehmen, muss dahingestellt bleiben. Als Idee und Vorstellung aber verfängt der Leitgedanke. Denn die Bruchlinien werden allein in der Bewegung durch die Stadt, die eine individuelle und politische Auseinandersetzung mit dem Ort provoziert, von einem Spielort zum nächsten sprichwörtlich am eigenen Leib erfahrbar.
Überhaupt ist diese documenta eine Ausstellung, die den diskursiven Raum der Kunst, so, wie ihn Catherine David mit ihrer ebenfalls bahnbrechenden documenta X einst öffnete, um das Gestische erweitert (ohne dabei zu Symbolpolitik zu verkommen). Es ist eine an den Körper und sein Sensorium gerichtete documenta, die alle Sinne anspricht, ohne dabei rückwärtsgerichtet zu sein. Im Gegenteil: Im Kontrast zu unserer digital durchdrungenen Gegenwart mit ihrem Effizienzstreben macht diese Ausstellung das Analoge stark, sie betont, dass es noch immer unsere Körper und Sinne sind, die uns durch die Gegenwart leiten, und setzt auf unmittelbaren Kontakt.So gelingt es auch, die Kunst von ihrem repräsentativen Charakter oder Status zu entkoppeln und stattdessen die Künstlerinnen und Künstler selbst als (politische) Akteure und als eine Gruppe wahrzunehmen, die engagiert und immer mit dem Risiko zu scheitern arbeitet.

Kunst ist eine oftmals unter prekären Bedingungen geleistete Arbeit
Die Ausstellung ist ein Ausweis dafür, wie genau, subtil, fragil, verschroben, ­(lokal-)politisch und manches Mal prekär noch in den letzten Nischen geistig gearbeitet wird und wie sich oftmals aller gesellschaftlichen Widerstände zum Trotz Freiräume im Denken und Tun entfalten: Wie sich komplexe Ideen und Vorstellungen auf einem Blatt Papier entwickeln und manifestieren - zu sehen etwa in den Zeichnungen ­Miriam Cahns oder David Perlows oder auch in den Künstlerbüchern Daniel Knorrs.
Wie sich die Körper in ihrer leiblichen Erscheinung in performativen Prozessen transformieren und zuweilen geschlechtsspezifische Zuschreibungen hinter sich lassen - zu erfahren etwa in den Performances von Alexandra Bachzetsis, vom Künstlerpaar Prinz Gholam oder in den Filmen von Therre Thaemlitz. Wie durch Erfindergeist neue Soundgebilde entstehen - zu hören etwa bei Nevin Aladag oder Jani Christou und nachzuvollziehen in den Notationen Pauline Oliveros. Wie sich mit der Wiedergabe persönlicher Erfahrungen politische Geschichte neu schreibt - zu sehen etwa in der Filmarbeit eines Künstlers mit seinem alten Vater, der seine Tagebuchaufzeichnungen über seine Flucht aus Armenien nach Italien vorliest.
Wie sich durch Formen der Fiktionialisierung phantasmatische Räume der geschichtlichen Erinnerung öffnen - zu lesen etwa in den Skripten der Installation Roee Rosens. Wie altes Handwerk wieder aufgenommen und politisch wirksam zu werden verspricht - zu erleben und zu denken etwa in der prozessualen Arbeit Aboubaka Fofanas. Wie in der Stadt Athen selbst geschichtsträchtige Plätze wieder aufgespürt und als Orte der politischen Empörung wiederbelebt werden - zu erfahren etwa im Denkmal Sanja Ivekovics.

Gegen jegliche Klassifizierung und Bevormundung
Einige der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen wie der kürzlich verstorbene Beau Dick verstehen sich als Teil indigener Kulturen, ein Umstand, der in den ersten Kritiken zur documenta 14 dazu beitrug, einige der Kunstwerke als Ethnokitsch zu verunglimpfen. Da die Ausstellung selbst aber in ihrer Formatgebung von einem nicht-nationalen Selbstverständnis geleitet ist (was sich unter anderem darin ausdrückt, dass auf biografische Daten sowohl in der Ausstellung wie auch in den begleitenden Publikationen verzichtet wird), arbeitet sie dezidiert gegen jedwede Form von Klassifizierung und Bevormundung, im Gegenteil: Sie erlaubt einen freien und unverstellten Blick und lässt Hierarchien hinter sich. Konzeptionell konsequent gedacht, ist allerdings auch richtig: Obwohl die documenta 14 in Athen an vielen Stellen ein unmittelbares Eintauchen möglich macht, gelingt es nicht immer, zum Kern der jeweiligen Arbeiten vorzudringen. An manchen Stellen ist Kontextwissen vonnöten, um der jeweiligen Arbeit selbst willen, aber auch um zuweilen fragwürdig erscheinende Liaisons in der Zusammenstellung der Werke zu erklären. Es wird spannend sein, zu sehen, ob die documenta 14 an ihrem zweiten Austragungsort in Kassel mit der Eröffnung am 10. Juni ihr offenes Prinzip weiter durchzieht oder Zugeständnisse an das Publikum macht und ihre Informationspolitik nachjustiert. Dann können wir noch besser über die Werke sprechen lernen. In der kommenden Ausgabe von Kunstbulletin zum Beispiel mit Teil 2 der Kritik zur documenta 14 - dann nach Kassel.
Maren Lübbke-Tidow ist freie Autorin, Kunstkritikerin und Kuratorin und lebt in Berlin, maren.luebbke@gmx.de


Bis: 16.07.2017


documenta 14, Athen, bis 16.7.; documenta 14, Kassel, 10.6.-17.9. documenta 14



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Ausgabe 6  2017
Autor/in Maren Lübbke-Tidow
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