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6.2017


 Überraschung, ein paar Monate vor der Matura im Luzerner Gymnasium: Meine Mutter lud mich zu einer Zugfahrt nach Mailand ein - zum Besuch der herausragenden Picasso-Retrospektive in Mailand, das Kunstereignis des Jahres. Sie wusste: Neue Kunst war mein Hobby.


Ansichten - Picassos ‹Guernica› in Mailand 1953


  
René Burri · Ausstellung von Picassos ‹Guernica› 1953 in Mailand ©Keystone / Magnum Photos / René Burri


Woher wusste Mutter von der Ausstellung? Die NZZ-Morgenausgabe vom 7. Oktober 1953 hatte sie bereits besprochen, und zwar auf der ersten Seite, die ansonsten strikt der Aussenpolitik vorbehalten war. Diesmal, unter einer langweiligen Betrachtung «vom alten zum neuen Kabinett Adenauer», ein seitenbreiter, zwei Absätze hoher Streifen: «Picasso in Mailand», von Kulturredaktor Paul Vogt. Auf Seiten 1 und 2!
Vor der weissbespannten Wand die Bilder, von denen ich etliche aus Abbildungen kannte, in Handbreite-Abstand freigehängt. Dann der grosse Saal, ausgebombt im Zweiten Weltkrieg, schräg hineingestellt das fast acht Meter breite, dreieinhalb Meter hohe Monumentalbild ‹Guernica›. Der Kurator nannte es «Krieg»; es erinnert an das Kriegsverbrechen, das die Diktatoren Mussolini und Hitler gegen die langsam erlöschende Spanische Republik begingen. Hitler und Mussolini unterstützten den Putschgeneral Franco mit ihrer Luftflotte «Condor». Die legendäre spanische Stadt Guernica, ohne jede strategische Bedeutung, wurde ausgelöscht. Picasso malte acht Versionen in Schwarz, Weiss und Grautönen . Das ihm seit zwei Jahrzehnten vertraute kubistische Formenvokabular verzerrte er zusätzlich zu Zeichen des Entsetzens. Warnend hält seine damalige Geliebte, die französisch-argentinische Fotografin ­Dora Maar, eine Sanduhr vor die Glühbirne - ein Vor-Blick auf den kommenden Zweiten Weltkrieg; Opfer bäumen sich auf; im Hintergrund dräut Minotaurus, halb Mensch, halb Tier, Picassos beliebtes Grausamkeitssymbol.
Der grosse Schweizer Fotograf René Burri hat in der Picasso-Mostra 1953 fotografiert. Sein stärkstes Sujet war ‹Guernica›, vor dem Bild Stühle aufgestellt mit gebannten Betrachterinnen und Betrachtern. Ich war einer von ihnen, eine halbe Stunde lang. Unvergesslich.
Mein Vater, der mir den Keim des Kunsterlebens implantiert hat, pflegte zu zitieren: «Kunst ist, was durchdringt.» Für mich leistete ‹Guernica› genau das.
Das Bild hängt jetzt, siebzig Jahre später, im Madrider Museum Reina Sofia. Vom vielen Reisen ist es schwer beschädigt. Folglich darf es nie mehr bewegt werden.
Zurück nach Mailand 1953: Irgendwo im rauchgeschwärzten Königspalast hing offenbar noch eine zweite Allegorie von Picasso: ‹Frieden›. Sie ist in meinem Gedächtnis nicht präzis haften geblieben.
Peter Studer ist Journalist und Rechtsanwalt und war Verleger des Schweizer Kunstbulletins.
studer.pe@bluewin.ch



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Ausgabe 6  2017
Autor/in Peter Studer
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