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Besprechung
6.2017


Brita Polzer :  In drei Museen wird aktuell der Russischen Revolution und ­ihrer Folgen gedacht. In Bern widmen sich das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee realistischen und ungegenständlichen Werken, das Zürcher Landesmuseum fokussiert die Beziehung zur Schweiz mit einer Vielfalt zeithistorischer Dokumente.


Bern, Zürich : 1917 - Die Revolution in Kunst und Leben


  
links: Alexander Samochwalow · Textilfabrik, 1929, Öl, Tempera auf Leinwand, 68x98 cm, Staatliches Rus­sisches Museum, St. Petersburg ©ProLitteris, Courtesy Kunstmuseum Bern
rechts: Ilya Tschasnik · Suprematistisches Kreuz, 1923, Öl auf Leinwand, 133,2x133,4 cm, SMCA - Costakis Collection, Thessaloniki, Courtesy Zentrum Paul Klee


Spricht man heute über Textilfabriken, werden in der Regel die desolaten Verhältnisse thematisiert. Westliche Firmen lagern ihre Produktionen in sog. Billiglohnländer aus, wo in für Aussenstehende meist unzugänglichen und mangelhaften Gebäuden die Frauen zu menschenunwürdigen Bedingungen schuften müssen. Ganz anders sehen Textilfabriken und die dort tätigen Arbeiterinnen auf Bildern aus, die jetzt im Kunstmuseum Bern gleich am Anfang der aktuellen Ausstellung hängen. Auf Alexander Samochwalows ‹Textilfabrik› von1929 ist eine kraftvolle Arbeiterin dargestellt, die kaum wie eine Ausgebeutete, sondern vielmehr wie eine Zauberin, wie eine machtvolle Dompteuse wirkt, welche - auf beiden Beinen fest positioniert - die sie umgebenden, organisch wirkenden Maschinenkörper resolut im Griff hat.

Sozialistischer Realismus
Samochwalow war ein Leningrader Vertreter des Sozialistischen Realismus. Nach den ungegenständlichen, die Revolutionsjahre einleitenden Aufbrüchen, deren Startzeichen bereits um 1915 Malewitsch mit seinem Schwarzen Quadrat und Tatlin mit seinen Konterreliefs gesetzt hatten, kehrte die Kunst in der Sowjetunion spätestens 1932 mit den rigorosen Stalin-Geboten wieder zur Gegenständlichkeit zurück. Jetzt galt es, das riesige Land zu gestalten und der Parteidoktrin anzupassen, Industrialisierung und Kollektivierung standen auf dem Programm. Jetzt reichte es nicht mehr ‹Schlagt die Weissen mit dem roten Keil› - wie El Lissitzky 1920 auf einem Plakat - zu propagieren und ungegenständliche Waffen einzusetzen, jetzt sollte der grossenteils analphabetischen Bevölkerung die Heilsgeschichte der Sowjetmacht anhand figurativer Darstellungen eingetrimmt werden. Die Künstler/innen sollten nun im Geiste der Parteidoktrin erziehen, sowjetische Helden zeigen und Optimismus versprühen. Weniger bildeten die Bilder von Textilfabriken, Funkerinnen, Strassenarbeitern oder aus dem Transportwesen also Realität ab, als dass sie zum Sprachrohr der Ideologen wurden. Misswirtschaft, Hungersnöte, Krieg gegen die Bauern, Zwangsarbeit und Gulags kamen in dieser postfaktischen bildnerischen Realität nicht vor.
Das Kunstmuseum Bern zeigt einleitend Werke aus der Zeit um 1930 und gern hätte man sehr viel mehr aus dieser enthusiastisch-realistischen Anfangsphase gesehen. Weiter geht es aber - und dies auch absolut spannend - mit Arbeiten von späteren Sowjetbürgern (wie u.a. Ilya Kabakov, Boris Mikhailov) und von geografisch und zeitlich ferner Positionierten bis zu heutigen jüngeren Positionen wie der von ­Katrina Zdjelar, in deren ‹Everything Is Gonna Be›, 2008, Revolution nur noch als schlapp mitgesungener Aufguss eines Beatle-Lieds aufscheint. Selbstverständlich sind auch DDR-Künstler/innen (wie u.a. Willi Sitte, Cornelia Schleime) integriert, die das Dilemma zwischen Theorie und Praxis, Ideologie und Alltag mehr oder minder deutlich zur Sprache brachten. Der DDR-Maler Wolfgang Mattheuer bediente sich in den 1970er-Jahren mythischer Bilder, um sich kritisch zu ermächtigen. Seine Sisyphus-Serie zeigt Landschaften, die durch die intensive Bodennutzung der DDR braun, ausgemergelt und surreal entfremdet sind. Darin plagt sich ein Mann - wohl ein Selbstbildnis des Künstlers - mit der bedrohlich schweren Kugel herum. Sie repräsentiert die sozia­listische Ideologie, der man albtraumartig nicht entkommen kann.

Abstrakte Formen und Nähe zu angewandten Künsten
Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee ist auf das ungegenständliche Erbe ausgerichtet. Suprematismus und Konstruktivismus waren entscheidend für alle späteren Entwicklungen. In thematischen Abteilungen lässt sich hier das je Charakteristische der einzelnen Bewegungen erfassen und nachvollziehen, wie sich bspw. der deklamatorisch gebieterische Gestus der Malewitsch'schen ikonischen Formvorgaben verändert. So ist das strenge Kreuz bei Hélio Oiticica, einem Vertreter der Südamerikanischen Avantgarde, zu ‹Relevo espacial›, 1959, mutiert, zu einem warm-gelben, aus Holz ausgeschnittenen und in der Luft schwebenden Kreuz, mit dem ob seines von Veränderlichkeit sprechenden Gestus man gern ein wenig herumspielen möchte.
Die Zürcher Ausstellung eröffnet ihren labyrinthischen Reigen von oben bis unten vollgehängter Räume mit kubufuturistischen Bildern von u.a. Natalija Gontscharowa und Olga Rosanowa. Frauen waren bei den russischen Revolutionen entscheidend, der 8. März, der Frauentag, geht auf ihren Aufstand bei den Putilow-Werken zurück - ein Kontext, der leider auch in den zugehörigen Publikationen keine angemessene Beachtung findet. Die Kunstwerke sind in Zürich in die Abfolge diverser anderer Zeitzeugnisse integriert, wodurch sie - äusserst gewinnbringend - historisiert und kontextualisiert werden. Deutlich wird hier auch die Nähe der damaligen Künstlerschaft zu angewandten Kunstformen, zu Stoff-, Porzellan- und Möbeldesign oder zu Architektur und Theater. Dass drei derart umfassende, sorgfältig recherchierte und von ausgezeichneten Publikationen begleitete Ausstellungen gleichzeitig möglich sind, ist erstaunlich, und in der Tat sollte man gerade auch in die Schau in Zürich mehrmals gehen. Eine spannende Frage, die mich beschäftigt, ist, wie man sich im Verhältnis zur sozialistisch-realistischen Darstellung von Arbeit verorten kann. Auch wenn nicht selten kitschig, wenn idealisiert und keiner Realität entsprechend, ziehen viele dieser Darstellungen in Bann. Arbeit wurde als gemeinschaftsstiftend und sinngebend imaginiert, körperliches und geistiges Tun sollten in Einklang stehen. Wohl nur sehr wenige Menschen haben heute das Privileg solcher Arbeitsplätze.

Bis: 09.07.2017



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Ausgabe 6  2017
Ausstellungen Lang lebe die Revolution! [13.04.17-09.07.17]
Ausstellungen 1917 Revolution. Russland und die Schweiz [24.02.17-25.06.17]
Institutionen Zentrum Paul Klee [Bern/Schweiz]
Institutionen Schweizerisches Landesmuseum [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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