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Besprechung
6.2017


Alice Henkes :  Tanzende Rechtecke, fliegende Notenblätter und eine Kathe­drale aus Lautsprechern: Die Ausstellung im Kunsthaus Pasquart zeigt Werke, in denen bildende Kunst und Musik, Sehen und Hören, Bilder, Klänge, Räume und Bewegungen miteinander kommunizieren.


Biel : Extended Compositions - Imaginäre Räume


  
Carsten Nicolai ·pionier I, 2011, Fallschirm, Windmaschine, schalldämpfende Platten, Zeitschaltuhr, variable Dimensionen, Ausstellungsansicht ©ProLitteris, Courtesy Galerie Eigen + Art Leipzig / Berlin und Pace Gallery. Foto: Julie Lovens


Wenn er am Boden liegt, ist er nur eine schlaffe Hülle. Doch von Zeit zu Zeit schaltet sich eine Windmaschine ein und bläht mit Höllengetöse den weissen Fallschirm zu einem straffen Ballon. Ein beeindruckendes Crescendo, das an Lungenflügel denken lässt, an gewaltige Atem- und Stimmkraft. Die Installation ‹pionier I›, 2011, des deutschen Künstlers und Musikers Carsten Nicolai wird meist in weiten Hallen inszeniert. Im Kunsthaus Pasquart hat die deutsche Künstlerin und Gast-Kuratorin Ellen Fellmann den Fallschirm in einen der eher übersichtlichen Säle im Neubau gesperrt, was der Arbeit eine sehr interessante zusätzliche Dimension gibt: Der luft- und lärmgefüllte Schirm scheint Mauern sprengen und fortfliegen zu wollen, kann aber nicht.
Die Leichtigkeit der Klänge und die Statik der Räume, stumme Bilder, die beim Betrachten Musik evozieren, und Klang-Collagen, die das Kopfkino anwerfen, konzertant schnurrende Katzen und sinnreich gefaltete Notenpapiere, die wie ein Schwarm heiterer Vögel auf ihren Pulten hocken: ‹Extended Compositions› zeigt eine grossartige Auswahl an Arbeiten, in denen Sound und Bild, Musik und bildende Kunst amalgamieren. Vor zwei Jahren organisierte Fellmann eine ähnliche, jedoch bedeutend kleinere Ausstellung in Berlin. In Biel hat sie nun eine Schau eingerichtet, die nicht nur dank grosser Namen wie Bill Viola und Bruce Nauman beeindruckt. Die Vielfalt der Arbeiten und der grosse zeitliche Bogen bieten einen anregenden Überblick über die Entwicklung der audiovisuellen Kunst. Die älteste Arbeit ist der Schwarzweissfilm ‹Rhythmus 21› des Dadaisten Hans Richter, ein Stummfilm, in dem sich geometrische Formen mit- und gegeneinander bewegen und dabei einen fühlbaren Rhythmus erzeugen. Verschiedene Videoarbeiten loten die Möglichkeiten bewegter Bildkompositionen nach musikalischen Prinzipien aus, mal mit, mal ohne Ton. Silva Reichwein malt farbige Partituren, während Gregor Hildebrandt Tonträger zu grossformatigen Bildern zusammensetzt. End- und akustischer Höhepunkt der Ausstellung ist Janet Cardiffs Installation ‹The Forty Part Motet (A reworking of ‹Spem in Alium› by Thomas Tallis 1556)›, 2001, in der Salle Poma: Ein visuell kühler Chor aus vierzig Lautsprechern singt eine im deutschsprachigen Raum wenig bekannte Motette von Thomas Tallis. Eingesungen von acht Chören mit je fünf Stimmen, gibt jeder Lautsprecher exakt eine Stimme wieder. Diese besondere Form der Vieltönigkeit erzeugt beim Hören einen weiten, imaginären Raum, nicht ganz von dieser Welt.

Bis: 11.06.2017



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Ausgabe 6  2017
Ausstellungen Extended Compositions [08.04.17-11.06.17]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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