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Besprechung
6.2017


J. Emil Sennewald :  Arbeiten zu vier Händen gab es von ihnen vereinzelt zu sehen, wie das Video ‹Schnee bis im Mai›, das Pariser 2009 im MAC/VAL in der Ausstellung ‹Into the White› entdecken konnten. Nun hat das Künstlerpaar erstmals gemeinsam eine Ausstellung entwickelt, deren Installation, deren Arbeiten im Dialog realisiert.


Paris : Silvia Bächli, Eric Hattan - Situer la différence


  
links: Silvia Bächli ·Mund zu Mund, 2017 Collage mit Gedichten von Florian Seidel, Sieveking Verlag München
rechts: Eric Hattan · Situer la différence, 2017, Centre culturel suisse Paris. Foto: Marc Domage


In Materialien, Motiven, Umsetzungen scheinen sie deutlich verschieden. Die Welt der einen sind Linien und Bilder, die des anderen Objekte und Räume. ­Sicher, sie teilen «seit den Anfängen Denken und Leben», wie es Eric Hattan in seinem jüngst erschienenen Werkkatalog formuliert. Seit den Siebzigerjahren entdecken sie zusammen malend und zeichnend Kunstgeschichte, reisen erstmals im Herbst 1976 gemeinsam nach Paris, besuchen das Atelier der Brüder Giacometti, kommen danach regelmässig an die Seine, arbeiten, erkunden. In der Schweiz agieren sie als Duo seit 1981 mit ihrem Kunstraum ‹Filiale Basel›, präsentieren 1992 eine Koproduktion mit ‹4 Augen sehen mehr als 2› im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Doch Silvia Bächli (*1956) und Eric Hattan (*1955) sind vor allem als Solisten bekannt. Kooperationen erproben sie, wenn es sich ergibt, als Verhältnis singulärer Positionen, als Amitié statt Amalgam. Für die Publikation zur Ausstellung ‹What about Sunday›, 2013, in der MK Gallery im britischen Milton Keynes versammelten sie Beiträge verschiedener Freund/innen. Eine vielstimmige Reise durch Bildräume, gesellig statt kollektiv.
In den Sälen des Schweizer Kulturzentrums bleibt diese Vielstimmigkeit erhalten. Erzeugt wird sie von zwei Solisten, die auf einer Saite Töne, Vibrationen, Rhythmen zusammen klingen lassen. Das gelingt durch perfekt ineinandergreifende Raumfluchten, die Zeichnungen und Streben, Videos und Installationen, Farben und Formen aufeinander beziehen. Zwei Collagen aus gefundenen Bildausschnitten von Silvia Bächli werden von der Struktur getragen, welche die absichtlich offen gelassene, matt silbern gestrichene Rückseite der Ausstellungswand zeigt. Bereits am Eingang zum Saal liefen Stäbe in die von Hattan bekannten Betonsockel aus, indizierten im Dialog mit der in der Flucht dahinter gehängten vertikalen Zeichnung, dass es im Zusammenspiel der Linien um Virtuosität so sehr geht wie um Gravität im Sinne physischer, ethischer wie ästhetischer Schwerkraft. Deren schmunzelnde Fliehkräfte beseelen den Farbwechsel von Zeichnungen und Objekten in der höchst sensiblen Komposition der Räume. Die Vibrationen der Linienführungen vom gefakten Strom-Wasser-Rohrnetz bis zum feinsten Pinselstrich stellen ein visuell-klangliches Gleichgewicht her, aus dem eine Harmonie der Anziehungskräfte entsteht. Sie wird nicht konstruiert, sondern geht aus dem Aufeinanderzugehen von künstlerischen Arbeiten, dem Aufgreifen und Weiterführen individueller Züge, dem Vermitteln plastischer Resonanzen hervor. Und zwar sowohl zwischen den künstlerischen Arbeiten als auch in Bezug auf den Ausstellungsraum, seine Architektur. So fährt der Schneemann im ­Video ‹Schnee bis im Mai› zwischen den Streben der Konstruktion den Hügel hinunter, die den Boden des Ausstellungsraums darüber tragen. Die Projektion sieht, wer die Ausstellung verlassend die Treppe betritt - auf dem Weg nach unten, wie der Schneemann. Die beiden Künstler/innen erzeugen eine Situation im Sinne eines Situierens, der Ortsfindung, des Einnehmens eines Platzes, der erst mit diesem Einnehmen seine Bedeutung als geteilter Ort entfaltet.
Zwischen Videos wie ‹Pour Lucy McKenzie›, in dem Hattans Finger alle Kanten seines Ateliers abfährt, und Zeichnungen wie ‹sans titre›, 2014, in der Bächli mit grün-grauer Gouache eine Geste setzt, wird diese Situation als eine des Körpers erfahrbar. Er nimmt sich zwischen Begegnung und Entgegnung vom Anderen her als Einzelner wahr. Wie Jacques Derridas unerhörtes Denken der «différence» sind die Unterschiede im Centre culturel suisse nicht lautlich, sondern am Material zu erkennen. Es tritt als Grund hervor, auf dem Differenzen als den Materialien eigene, aus diesen heraus sich immer wieder neu und anders zeigende Individualität erscheinen - im Bezug, im Verhältnis zueinander.
Könnte man nun ein von gegenseitiger Aufmerksamkeit getragenes Verhältnis als Grundethos gelebter Beziehung sehen, würde eine solche biografische Lesart die Ausstellung auf nur einen ihrer Aspekte reduzieren. Verhalten und Aufmerksamkeit fassen in der künstlerischen Haltung von Bächli und Hattan jene Qualität, mit der das Singuläre zum Allgemeinen werden kann. Sie praktizieren ein Aufmerken auf winzige Energiefelder in der umgebenden Welt, bergen deren Schwingungen sorgfältig, geben sie zugewandt weiter. So werden die Schattenlinien, von eingangs beschriebenen Stäben in den Ausstellungsraum geworfen, zu einer weiteren Zeichnung. Eine, durch die man physisch hindurchgehen kann. Im Verhältnis dazu werden Bächlis Arbeiten als Einladung für den Blick erkennbar, sich zwischen die Linien zu begeben. Gerade das Zusammenspiel von Installation und Zeichnung erlaubt es, die «Trugwand der Fläche» zu meistern und «zwischen farbigen Geweben», wie einst Walter Benjamin die «Aussicht ins Kinderbuch» formulierte, einzutreten in die «undichte Welt, wo bei jedem Schritt sich alles verschiebt».
Verhältnis bedeutet bei Bächli-Hattan auch: Verhalten. Bisweilen als vorsichtige Aktion wie Hattans Eingriff in einem aufgelassenen Haus in Island, in dem er vorgefundene Möbel mit Stäben an die Decke drückte. Verhalten wie manch zeichnerische Geste von Bächli, die sich in ihrem Schwung einfängt, in ihrer Energie zu etwas Fragilem ausläuft. Sich-Verhalten auch im Sinne einer Akzeptanz dessen, was zustösst. So stürzte die von Hattan gestapelte Säule im «Pièce sur cour» zusammen, während Bächli ihr den Rücken kehrte, um ihre Collagen aus dem mit dem Dichter Florian Seidel produzierten Text-Bild-Band «Mund zu Mund» aufzuhängen. Sie erschrak - und verhielt sich mit Hattan zu dem Ereignis - aus Unfall wird Einfall. «Situer la différence» macht erfahrbar, wie viel Energie, wie viel positive Wendung zur Realität sich auf diesem Weg entfaltet.


Bis: 16.07.2017


‹Silvia Bächli, Eric Hattan - Situer la différence›, Centre culturel suisse Paris, bis 16.7., Eröffnung des zweiten Teils im ‹Pièce sur cour›, am 3.6.



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Ausgabe 6  2017
Ausstellungen Silvia Bächli, Eric Hattan [28.04.17-16.07.17]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Silvia Bächli
Künstler/in Eric Hattan
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