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Besprechung
6.2017


Stefan Wagner :  Im Sturm des Over-Branding in der Kunst legt Florence Jung erst mal eine Autorschaftspause ein. Sie verweigert Bilder und richtet bei ihren performativen Auftritten den Fokus auf beuhrte Kuratoren, quasi-bestochene Jurymitglieder oder routinierte Ausstellungsgänger


Basel, Zürich : Florence Jung - Vérités et mensonges




Das Internet als Wissensquelle über das künstlerische Werk von Florence Jung ist wenig ergiebig. Geduld ist geboten, um Grundsätzliches zu klären. Zum Beispiel wie eine künstlerische Identität entsteht und sich diese mit den Konzepten der Autorschaft verbindet. Dies gerade auch, weil die Autorschaft in den digitalen Verwertungsmechanismen, die den Kunstbetrieb bestimmen, von entscheidender Tragweite ist.
Der Begriff der Autorschaft hat sich in den letzten Jahren mit dem Aufzug des Digitalen stark gewandelt. Als Modus Operandi war er zwar schon immer Teil der künstlerischen Produktion, mit der Digitalisierung - einem Paradigmenwechsel gleich - wurden aber mehr Formen der Autorschaft ermöglicht. Einige Beispiele hierzu. 1. Die falsche Autorschaft: Eine Person gibt vor, eine andere zu sein, sie spiegelt falsche Tatsachen vor mit dem Ziel der Täuschung und Übervorteilung. Das ist Betrug. 2. Verwischte Autorschaft: Jemand gibt vor, eine bestimmte Person zu sein, mit der Absicht, dass ein anderer dies erkennt und verunsichert wird. Das ist Schwindel. 3. Mehrfache Autorschaft: Kollaboration als Mittel zur Auflösung der Subjektivität. Das ist Partizipation. 4. Fiktionalisierte Autorschaft: Eine Geschichte wird um eine Autorschaft gewoben. Das ist der Mythos. 5. Entzogene Autorschaft: Jemand versucht, seine Autorschaft zu verschweigen aufgrund idealistischer Werte. Das ist Romantik.
Die Künstlerin inszeniert Weggabelungen der Wahrnehmung, sie legt Fährten, wo es keine gibt, sie verführt zu schnellen Annahmen. Sie zu treffen, ist nicht schwer, und doch zieht sie sich ständig zurück. Was also ist das für eine Autorschaft? Vielleicht eine, die sich aus den obenstehenden fünf zusammensetzt, sie mit einschliesst, reflektiert? Von Florence Jung gibt es online wie in Print kaum Bilder zu finden. Interviews führt sie, indem sie als Antworten Zitate von ehemaligen Fussballstars oder einem Comiczeichner und Wrestler verwendet. Wenn sie dazu aufgefordert wird, auf die Bühne zu kommen, lässt sie dies durch andere ausführen. Das ist dann jene «Delegated Performance», von der die Kunsthistorikerin Claire Bishop spricht. Bei Florence Jung könnte man das als eine Art Anti-Marina-Abramović-Reflex bezeichnen, sie vermeidet den direkten Kontakt mit dem Publikum oder anderen Performer/innen. Jung inszeniert sich nicht als geniale Urheberin. Sie rückt das Moment der Intimität in den Vordergrund. Anonyme Couverts mit Bargeld werden an die Mitglieder einer Jury versandt. Die Spannung dieser Geldgeschenke wird am Sitzungstag mit einem gleichen Couvert aufgelöst, zugleich wird eine Flasche mit den besten Grüssen von Jung serviert. Der performative Spannungsbogen entlädt sich folglich nicht vor ­einem Kunstpublikum, sondern im Expertengremium, das über Karrieren entscheidet. Das ist eine Form parasitärer Kunst, die sich des Publikums entledigt hat, um Institutionskritik zu vollziehen, ohne diese aber als solche zu illustrieren. Es sind also eher die kleinen Gesten, die auffallen, und keine Bildkompendien. Das mag elitär erscheinen, folgt aber der werkinhärenten Logik, die Bedingungen der Kunstproduktion ernst zu nehmen. So, wie sie dies auch für ihre Einzelausstellung im Circuit in Lausanne tat, als sie einen Designer beauftragte, ein Präsentationsdisplay der Luxusmarke Louis Vuitton zu imitieren, und sie illegal in die Schweiz eingeführte Taschen jener Marke präsentierte. Die Taschen konnte man für den originalen Preis von Louis Vuitton ­kaufen.
Copyrights sind für Länder wie die Schweiz von volkswirtschaftlicher Bedeutung und sie zeigen, wie der Wert einer Ware nicht von dem verwendeten Material, sondern vom Marketing abhängt. Selbstredend ist das ein Rekurs auf die Kunst. In den letzten Jahren haben sich Unternehmen wie u.a. Prada Märchenmuseen gebaut. Nicht zu sprechen über den Transfer des symbolischen Kunst-Kapitals zu einer auf reinen Konsum getrimmten Fashion. Diese Verflechtungen deckt Jung nicht rechthaberisch auf, sie kitzelt die Flüsse des Kapitals vielmehr mit den Mitteln der Kunst hervor. So auch wenn sie Kurator/innen von Ausstellungen, bei denen sie beteiligt war - zum Beispiel Christian Jankowski - zum Tragen einer gefälschten Rolex verpflichtete.

Das Imaginäre im Nichtoffensichtlichen

Sich den Verwertungslogiken des Kunstbetriebs immer wieder mit Grips zu entziehen und gleichzeitig mit diesen zu jonglieren, das ist eines der Ziele von Jung. In ihrem neuesten Beitrag für ‹Action!› im Kunsthaus Zürich lässt sie einen Schauspieler täglich immer die gleiche Ausstellungsroute ablaufen. Ganz schön ermüdend und doch wohl eine starke Geste dafür, es immer wieder von Neuem zu versuchen, den eigenen Vorstellungen einen Platz in dieser Welt einzuräumen. Das Nichtoffensichtliche ändert den Geist vielmals eindringlicher als eine plakative Geste. So ist es denn auch nur folgerichtig, dass Jung auch für ihren Beitrag zur Ausstellung ‹Ungestalt› in der Kunsthalle im Imaginären operieren wird, indem sie das Publikum entscheiden lässt, die Schau mit oder Florence Jung zu sehen. In ihrem gesamten Vorgehen verweigert sie sich dem Over-Branding der Kunst und negiert den Anspruch, dass jede künstlerische Arbeit und Handlung in einen Sinnzusammenhang eingebettet werden muss und einen Impact haben soll. So wird sie dies auch in ihrem ‹Cahier d'Artiste› tun. Jungs widerständige Praxis der Bildlosigkeit ist definitiv ein Beitrag zur Frage, wie heute Wahrheit konstruiert und verwertet wird. Das geht über die Kunst hinaus. Mehr muss man nicht wollen.

Bis: 30.07.2017


Swiss Art Awards, Basel, 12. (Eröffnung) -18.6.
‹Ungestalt›, Kunsthalle Basel, 18.5. (Eröffnung) -13.8.
‹Action!›, Kunsthaus Zürich, 22.6. (Eröffnung) -30.7.
‹Florence Jung›, Cahiers d'Artistes 2017, Edizioni Periferia Luzern



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Ausgabe 6  2017
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Florence Jung
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