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Hinweis
6.2017




Lugano : Craigie Horsfield


von: Barbara Fässler

  
links: Craigie Horsfield · Five Peonies, Via Chiatamone, Naples, May 2010, 2013, Druck auf Tafel mit Gips und Wachs, 1000x920x3,3 cm , Courtesy Large Glass, London © ProLitteris
rechts: Craigie Horsfield · Claudia Grandi. Via Canova, Lugano, January 2017, Trockenprint auf Aquarellpapier Arches © ProLitteris


Dem Titel ‹Von der tiefen Gegenwart› entspricht die Untergrundposition der düster gehaltenen Ausstellungsräume, in die kein Sonnenstrahl dringt, und deutet gleichfalls die unmittelbare Abhängigkeit des Präsens von der Vergangenheit und der Zukunft an. Die Gegenwart ist immer schon gewesen und hat noch zu kommen und bleibt doch die einzig real zu lebende Zeiteinheit. Durch das erhebliche Verlangsamen der Produktionszeiten und die Schönheit seiner Werke unterstreicht der britische Künstler Craigie Horsfield (*1949) die unausweichliche Vergänglichkeit und gibt ihr gleichfalls gewaltig Gegensteuer. In seinen gigantischen Wandteppichen verewigt er Faden für Faden verwebend den flüchtigen Augenblick der Katastrophe. Die Stimmung wirkt düster durch das spärlich eingesetzte Licht, aber auch durch die alles andere als fröhlichen dargestellten Ereignisse. Gleich beim Eingang erschlägt der riesige Wandteppich mit den chaotisch durcheinanderliegenden Überresten der Zwillingstürme auf ‹Ground Zero› die ahnungslos eintretenden Besucher/innen. Schlag auf Schlag folgt ein explodierter Feuerwerkskahn unter rauchverhangenem Himmel in der Bucht von Neapel und ein vom Wind gebeutelter und zu Boden gebogener Baum auf El Hierro, der spanischen Vulkaninsel, welche die antiken Römer als das Ende der Welt ansahen. Die Fotografien - wie Malereien im Raum installiert - sind meist kontrastarm, dunkel in dunkel verfliessende subtile Zwischentöne, ab und an von einem weichen Lichtfleck beleuchtet. Zur Untermalung unserer Vanitas greift Horsfield tief in den Topf der Kunstgeschichte: Die inhaltlichen wie formalen Zitate und Anlehnungen sind durchwegs thematisch bedeutungsreich. Während die Katastrophenbilder Géricaults ‹Medusa› oder Turners dramatische Himmel aufnehmen, erinnern die Bilder der neapolitanischen Prozessionen an ‹Christus trägt das Kreuz› von Hieronymus Bosch. Die Stillleben der Granatäpfel mit ihrem klar inszenierten Lichteinsatz schwören Caravaggios Früchtekorb herauf, während die vergehenden Pfingstrosen die Malereien von Latour oder Manet vor das geistige Auge rufen. Craigie Horsfield diskutiert die Darstellbarkeit der Gegenwart und verarbeitet die menschlich existentiellen und somit kunstgeschichtlichen Ur-Themen unserer Endlichkeit. Es gibt kein Leben ohne Tod. Es gibt keine Erlösung. Die fast monochromen Luganer und Utrechter Porträts entlassen die Besuchenden mit ihrem Trauerblick à la ‹Monomania› von Géricault: Die Porträtierten hatten im vorbereitenden Gespräch mit dem Künstler über etwas Trauriges gesprochen.

Bis: 02.07.2017



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Ausgabe 6  2017
Ausstellungen Craigie Horsfield, Meret Oppenheim [12.03.17-02.07.17]
Institutionen MASI/LAC Lugano Arte e Cultura [Lugano/Schweiz]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Craigie Horsfield
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