Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
6.2017




Solothurn : Müller -b-


von: Roswitha Schild

  
links: Müller -b- · Gefäss, 2017, Porzellan, Tonerden, Verpackungsmaterial und flache Stücke, um 1990, Werkstattaufnahme
rechts: Müller -b- · Gefässaufbau, Ansicht ungebrannt, 2017


Seit frühester Kindheit ist Müller -b- (*1953) mit dem Material Tonerde vertraut. Die sowohl in Keramik wie in bildender Kunst ausgebildete Künstlerin geht, wie ihre Ausstellung «um immer wieder für Gäste zu kochen, von unten her» im Kunstforum Solothurn fulminant aufzeigt, ganz vom Material aus und lässt dieses sprechen. Damit steht sie einem gegenwärtigen Trend diametral entgegen, wo Künstler auf dem Kunstmarkt Erfolge feiern, indem sie ihre in anderen Medien erarbeitete Bildsprache der Keramik aufpfropfen - häufig unter Beihilfe von Fachkräften.
In einem Amalgam aus Verweisen auf die Geschichte und Symbolik der Keramik und Szenarien der Ausbeutung von Bodenschätzen, Globalisierung und Klimawandel schuf die Künstlerin in den letzten Jahren eindringliche Werke von existentieller Wucht. Diese kreisen um Themen wie kontaminierte Tonabbaustätten oder prekäre Behausungen. Gegenwärtig wendet sie sich - quasi als elementarem Sinnbild der sich wandelnden Interaktion zwischen Mensch und Erde  - nochmals dem Klassiker der Keramikkunst, dem Gefäss zu. Und zwar ‹von unten her›.
Ihren neuen, vollplastischen Gefässen stellt Müller -b- die gleichsam körperlosen Exemplare aus den Neunzigerjahren gegenüber. Die älteren, mit flüssigem Ton mittels Löffeln gezeichneten Gefässe widerspiegeln die Geschichte der Keramik anhand von Gefässumrissen. Sie bilden eine Art virtuelles Museum, sind unpersönlich, platzsparend stapelbar, informativ - aber ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Die neuen Gefässwände konstruiert sie in einer rudimentären Abwandlung der traditionellen Wulsttechnik. In flüssigen Ton getauchte Verpackungsmaterialien wie Kartonschnipsel, Abdrucke und Abgüsse von Wellkartons und Luftpolsterfolien werden so mit verschiedenen Tonarten - mit unterschiedlichen Brennpunkten - «verwulstet». Beim Brand mutet sie dem Material extreme Temperaturen zu, was zu unkontrollierten Sinterprozessen führt. Die Einsprengsel aus der modernen Wegwerfwelt wirken dabei einerseits stützend - Lawinenverbauungen gleich - andererseits erhöhen sie die Fragilität des Ganzen. Dem Zufall kommt beim Brand eine erhebliche Rolle zu. Damit unterläuft Müller -b- jegliche Regel der Keramikkunst bei gleichzeitigem Zitieren traditioneller Verfahren.
Uns, ihren «Gästen», hält Müller -b- mit ihren Arbeiten ihre Wahrnehmung der heutigen Welt als Terra Cotta vor Augen, befeuert vom Prinzip Hoffnung.

Bis: 01.07.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 6  2017
Ausstellungen Müller -b- [20.05.17-01.07.17]
Institutionen Kunstforum/Galerie Ch. Abbühl [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Roswitha Schild
Künstler/in Müller -b-
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170526130320HAW-30
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.