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Hinweis
6.2017


 Mit einer für die Achtzigerjahre typischen, die Wände in Kraftfelder verwandelnden Streuhängungen feiert das Musée Jenisch Vevey den 30. Geburtstag des Kollektivs M/2, das 1987-1991 dort einen «artists' run space» betrieb. Ebenfalls einen Auftritt erhält der eng mit der Gruppe verbunde Zeichner Stéphan Landry.


Vevey : M/2 und Stéphane Landry


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Jean Crotti, Alain Huck, Robert Ireland, Jean-Luc Manz Ausstellungsansicht M/2, Vevey, 1988. Foto: Georg Rehsteiner
rechts: Stéphane Landry, Ohne Titel, 1991-1994, Deckfarbe auf linierter Heftseite, 14,7 x 21 x cm, Courtesy Musée Jenisch, Schenkung Guislaine und Jean-Pierre Landry und Association uno-due-trait. Foto: Julien Gremaud


Die bereits historisch anmutende Szenographie in Galaxien erzeugt dabei in beiden Flügelen der Bel Etage ein sinnliches Klima, obschon sich hier wie dort viel hinter Glas drängt. So nehmen in der Schau zu M/2 die Archivbestände sowie der Dokumentarfilm von Anne Marisol ebenso viel Raum ein wie die kleine Auswahl von Werken, die das Kollektiv in den vier Jahren seiner kuratorischen Aktivität gezeigt hatte. Diejenigen der vier zwischen 1952 und 1964 geborenen Künstlern Jean Crotti, Robert Ireland Alain Huck und Jean-Luc Manz, welche M/2 nebst Christian Messerli und Catherine Monney selbst angehörten, sind dabei vereint auf der längsten Wand der drei Räume, während diejenigen ihrer fast durchgehend als Peers zu betrachtenden Gäste verstreut in der weiteren Ausstellung auftauchen. Die meisten der insgesamt 43 Präsentationen fanden in der Altbauwohnung statt, die der Bürgermeister Yves Christen M/2 trotz der unter einer Krise leidenden Stadt mit einem kleinen Betriebsbudget überliess. Durchaus visionär sah er in der Kultur eine Piste des Neuaufbaus.
Die Namen von M/2 und der assiziierten Kunstschaffenden lesen sich heute wie eine Liste der Exzellenz der Jahrgänge um 1960 aller Landesteile, was nicht zuletzt dem regen Austausch mit dem zeitgleichen Basler «artists run space» zu verdanken ist, der Filiale von Silvia Bächli, Eric Hattan und Beat Wismer.
Hier wie da war die Breite der Ansätze ein wichtiges Signal an die teils immer noch in den Grabenkämpfen zwischen den Avantgardismen (um 1910-um 1970) gefangenen Szene. Deren heroischen Gesten wurden denn auch von den meisten M/2 und Filiale-Kunstschaffenden in ihren Werken kritisiert. Diesem subjektiven Widerstand entspricht vielleicht auch, dass erstaunlich viele von ihnen die Handzeichnung zu einem zentralen, oft exklusiven Medium erhoben.
Aus diesem Grunde stehen in der Schau des verfrüht verstorbenen Stéphan Landry (1960-2009) viele Schaukästen. Sein Werk besteht einzig und allein aus so sicheren wie feinfühligen und blitzgescheiten Arbeiten in Heften und auf Blättern. Er führt so nicht nur ein visuelles Tagebuch seiner intimsten Begehren. Wie ein Magier verwandelt er unablässig krude Elemente der Boulevardpresse und des Privatfernsehens des berlusconischen Imperiums, wie sie ihn - seit seinem Aufenthalt am Istituto svizzero 1996-1998 weilte er oft in Rom - wie eine dunkle Vorahnung unseres heutigen «Post faktischen Zeitalters» erschütterten, mit feiner Ironie zu humanistischer Philosophie.

Bis: 11.06.2017


‹Tout va bien: M/2 und Stéphan Landry›, Musée Jenisch, Vevey, bis 11. 6.; mit Katalog zu M/2 und Monographie zu Stéphan Landry



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Ausgabe 6  2017
Ausstellungen M/2, Stéphan Landry [31.03.17-11.06.17]
Institutionen Musée Jenisch Vevey [Vevey/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Stéphan Landry
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