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6.2017




Zürich : Things are getting better all the time... Aren't they?


von: Philipp Spillmann

  
Anne-Lise Coste · Bones (Green), 2016, Öl auf Leinwand, 151 x 367 cm


Eine Rezension zu schreiben, ist nicht immer ganz einfach. Liest man den Saaltext der aktuellen Ausstellung im Helmhaus Zürich, könnte man fast kapitulieren. Dort steht geschrieben: «Es braucht viel Reflexion, um sich von der Reflexion zu verabschieden.» Gemeint sind die drei Künstler der Schau, David Chieppo (*1973), Anne-Lise Coste (*1973) und Dieter Hall (*1955). Sie verbindet eine gewisse Spontaneität, eine freche Direktheit, ja eine «erwachsene Naivität». Wie kann ein/e Kunstkritiker/in auf so eine Ausstellung überhaupt reagieren? Soll die Kritiker/in beurteilen, wo und wie dieses Statement tatsächlich auf die ausgestellten Arbeiten zutrifft? Soll sie es zusammen mit dem augenzwinkernden Titel «things are getting better all the time...» gesellschaftlich kontextualisieren, etwa als Reaktion auf eine erklärungswütige und sinn(sehn-)süchtige Gegenwart? Oder muss sie konsequenterweise auf all das verzichten und der Ausstellung dort begegnen, wo sie selbst ansetzt, und sich von aller Reflexion verabschieden? Konsequenterweise: Jein. Was also tun? Es dennoch probieren. Wichtig: Nicht mehr darüber nachdenken, was mit Reflexion gemeint sein könnte. Sondern genau hinschauen, «wo die Essenz, die Freiheit des Denkens [...] begraben ist», wie es der Saaltext verkündet. Nicht blind werden. Aber auch nicht verzweifelt sehen wollen. Na dann, los:
Was beim Gang durch alle Räume auffällt, ist die knallbunte Farbpalette. Knallbunt sind auch die Gedanken, die auf vielen Bildern (die Ausstellung zeigt vorwiegend Malerei und Collagen) notiert sind. Da heisst es etwa «WE DISAP EAR» bei David Chieppo. Gleich daneben steht «JIHAD REHAB» auf einem Stück Papier an der Wand. Im nebenan liegenden Raum hallt es ‹In Zürich fährt die Sonne mit› aus einer Collage von Dieter Hall (eine von vielen). Sie zeigt ausserdem einen splitterfasernackten Mann mit mächtigem Glied auf weissem Stoff und Sonnenschein im Hintergrund. Er lächelt. Auch die Sonne lächelt. Hübsch. Darunter die Logos von VBZ und EWZ. Feucht. Bissig. Hämisch. Wie die Neocolor-Grimasse von Anne-Lise Coste, die sie ‹Self-Portrait› genannt hat. Frech. Fast so frech wie der grüne Knochen auf weissem Grund mit dem Namen ‹Bones (Green)›, den sie ihrem Publikum einfach so hinwirft. Fies. Vieles in der Ausstellung ist eben, was es ist. Aber dann eben doch nicht ganz. Die Werke wollen keine Erfahrungen schaffen. Sie wollen etwas auslösen. Etwas, von dem sie selbst nicht (immer) wissen, was es sein soll. Etwas Ungefähres, das aber sehr präzise ist, wenn es trifft. Falls es trifft. Ein Funke, der darauf wartet, ein Lauffeuer im Kleinformat zu entfachen. Das geschieht dann auch. Irgendwie.

Bis: 25.06.2017



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Ausgabe 6  2017
Ausstellungen David Chieppo, Anne-Lise Coste, Dieter Hall [05.05.17-25.06.17]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in David Chieppo
Künstler/in Anne-Lise Coste
Künstler/in Dieter Hall
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