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Fokus
7/8.2017


 Die diesjährige Ausgabe der Biennale trennt schärfer als bisherige Ausgaben zwischen den nationalen Pavillons und der trans-nationalen Hauptausstellung. Im Heilsversprechen an die moderne Gesellschaft greift sie auf historische Positionen zurück und schafft unter dem euphorischen Titel ‹Viva Arte Viva› auch gehörig Verwirrung.


57. Biennale Venedig - Aller Anfang war Kunst


von: Isabel Zürcher

  
links: Erkka Nissinen, Nathaniel Mellors · The Aalto Natives, Ausstellungsansicht Finnischer Pavillon, 2017
rechts: Anne Imhof · Faust, 2017, mit Franziska Aigner and Eliza Douglas, Deutscher Pavillon. Foto: Nadine Fraczkowski


Der Goldene Löwe geht nach Deutschland, an den Pavillon, den Anne Imhof (*1978) und ihre Equipe eingenommen haben. Über ganze sechs Monate bringen sie in Zeitlupe ihre stumme Rebellion zur Aufführung. Ein gläserner Boden macht Betrachtende zu Überlegenen. Und doch sieht man sich selbst der kühlen Beherrschung ausgesetzt, mit der Performerinnen und Performer den brutalistischen Bau umspielen, beatmen, manchmal besingen. Unnahbarkeit ist Programm in Imhofs ‹Faust›. Wobei die Akteure nicht nur das Publikum auf Distanz halten, sondern einander auch selbst fremd bleiben. Ihr beherrschtes Ringen mit- und gegeneinander, ihre anhaltende Verschlossenheit oszilliert zwischen Kampf und Begehren. Im inszenierten Befremden kreuzen sich Selbstbezug und eine latente Aggressivität.
Ist das nun der «harte Realismus», in dem sich die Vereinsamung des urbanen Individuums Ausdruck verschafft? Oder ist es jene Coolness, die in Gesten des Leidens eine besondere Genialität ausmacht? Für beide Lektüren gibt es Argumente. Das Pathos der Langsamkeit schafft eindringliche Präsenz. Man sucht die androgyn exponierten Körper auf Spuren ab, auf Kontaktnahme jenseits telekommunikativer Verkabelung. Im coolen Gebaren zeigt sich eine Generation, die in der Sehnsucht nach durchbluteten Symbolen ein kaltes Feuer entfacht.

Auflehnung der Unnahbaren

«Typisch deutsch», raunte eine Besucherin leicht entnervt beim Verlassen des ­Pavillons an einem der dicht besuchten Preview-Tage. Und wenn man sich auch ­gegen nationale Klischees zur Wehr setzen will, zirkulieren sie unausweichlich durch Venedigs Länderpavillons. In schonungsloser, ja derber Ironie bringen Erkka Nissinen (*1975) und Nathaniel Mellors (*1974) die multimediale Dreieinigkeit für Finnland zur Aufführung. Takahiro Iwasaki (*1975) schenkt jenen einen Überraschungscoup, die den japanischen Pavillon durch eine Luke von unten beäugen: Dann sieht man aus intimster Nähe den filigranen Nachbau japanischer Architekturen - und erkennt in der Düsternis atomarer Katastrophen, wie der eigene Kopf zum Exponat mutiert. Mit verspielter Freude reizt Phyllida Barlow (*1944) im Britischen Pavillon die Grössenverhältnisse aus, bietet rohes, leichtes Material wie zur architektonischen Performance auf. Xavier Veilhan (*1963) hat in Frankreichs Tempel der Kunst ein Musiklabor installiert. Sein ‹Studio Venezia› bietet Raum und Zeit für musikalische Experimente - und spielt in seinem skulpturalen Interieur sowohl mit modernistischen Formen wie mit der Idee des Gesamtkunstwerks.
«Egal, ob du es thematisierst oder ignorierst», formulierte Philipp Kaiser, diesjähriger Kurator des Schweizer Pavillons, am Rand der Eröffnung im Mai, «du kannst dem Nationalen nicht entweichen. Selbst die Negativität ist ein Statement.» Er setzte darum auf einen produktiven Umgang mit der Architektur, den Alberto Giacomettis Bruder im Auftrag des Bundes errichtet hatte. Teresa Hubbard (*1965) und Alexander Birchler (*1962) erzählen hier die Geschichte nach, die Giacomettis konsequente Verweigerung der nationalen Repräsentation in Erinnerung ruft. Die Doppelprojek­tion rekonstruiert in einem Pariser Atelier der Zwanzigerjahre Giacomettis Begegnung mit der Künstlerin Flora Mayo und zeichnet deren Spuren nach bis in den Dia­log mit ihrem unehelichen Sohn aus einer nachfolgenden Beziehung. Berührend gibt David Mayo Zeugnis von der späten Offenbarung über seine Mutter: «Out of the blue» habe er erfahren, dass sie einst der künstlerischen Avantgarde in Paris so nahe war. Alles, was eine kleine, fotografische Reproduktion an Spuren zu sichern half, leiht nun der vergessenen Künstlerin Stimme und Körper und gibt ihr die Geschichte zurück, welche die Kunstkritik längst in eine Fussnote gedrängt hatte. Und weil die Tonspur simultan beiden Projektionen gilt und so Vergangenheit und Gegenwart exakt zusammenhält, kann das Werk dem Vorwurf einer fiktionalisierten Weichzeichnung erfolgreich widersprechen. Indem das Material der Bildhauerei die Narration mitträgt, schärft der Film auch den Blick auf die neuen Werke der Amerikanerin Carol Bove (*1971). Einheitlich himmelblau, spielen die mannshohen ‹Plejaden› unter freiem Himmel auf Giacomettis ‹Femmes de Venise› an. Und auf Sternkonstellationen in Dimensionen jenseits biografischer Lebensläufe. «Alles, was sich im Aussenraum abspielt, wird Teil der irdischen Zeit», sagt Bove und weiss: Während das Sonnenlicht über ihre Oberflächen gleitet, unterwandern ihre blauen Stelen wie die Figuren ­Giacomettis jede nationale Zuschreibung.

Kunst, unsere letzte Bastion
Wenn die Ausstellung im Hauptpavillon und im Arsenale dieses Jahr von der Fachpresse unter Beschuss geriet, hat das nicht nur, aber auch mit einem Mentalitätskonflikt zu tun: Soll die Kunst von heute Inseln schaffen in einer von politischen und wirtschaftlichen Spannungen überschatteten Wirklichkeit? Oder soll sie sich zeigen als kritische Praxis, die in der Diagnose gesellschaftlicher Realitäten zu ihrer Sprache findet, Haltung bezieht und zum Handeln animiert? An der Biennale selbst gibt es genügend Beispiele, die belegen, dass der unverklärte Umgang mit dem Material des Realen poetische Bilder hervorrufen kann. So müssten sich weder Kunstschaffende noch die kuratorische Regie ganz auf die Seite der Hoffnungsträger schlagen oder sich ganz zur kritischen Gegenwartsanalyse bekennen. Schwierig wird es allerdings, wenn eine Grossausstellung jede politische Tiefenschärfe in einem ornamentalen Muster einebnet.
‹Viva Arte Viva› der französischen Kuratorin Christine Macel schreibt die Struktur der Pavillons fort und beantwortet die national organisierten Ausstellungen mit Begriffen des Universellen. Ansetzend beim «Pavillon des öffentlichen Raums» durchstreift man im Arsenale «Erde» und «Traditionen», künstlerisches Tun wird mit dem Schamanismus verglichen, man erreicht den «Pavillon der Farben» und stösst schliesslich zu «Zeit und Unendlichkeit» vor. Analoge, insbesondere textile Techniken dominieren den Parcours, und ein Hang zur Gegenständlichkeit schmiegt sich an Traditionen indigener Völker. Das alles sagt weniger über künstlerische Qualitäten aus als über den Wunsch, ein Refugium aufzumachen - einen die Zivilisation überdauernden Raum, in dem alle Sprachen und Kulturen versöhnt beisammen sind und die erkrankte moderne Gesellschaft heilen kann. Hat sich die Menschheit am Anfang vor allem der Kreativität hingegeben? «Kunst ist die letzte Bastion, ein Garten, der über und jenseits von Trends und persönlichen Interessen zu kultivieren ist», wird Macel in der Medienmitteilung zitiert. «Ein Ausruf» sei die Ausstellung, «ein pas­sionierter Aufschrei» für die Kunst und den Status ihrer Schöpferinnen und Schöpfer. So fächelt uns ‹Viva Arte Viva› die Hoffnung zu, dass es auch anders ginge. Dass man den Markenturnschuh (Michel Blazy, *1966) zum Pflanzplatz und reparaturbedürftige ­T-Shirts für die interkulturelle Verständigung fruchtbar machen könnte (Lee Mingwei, *1964). Dass Utopien der Sechziger- und Siebzigerjahre Modelle des Zusammenlebens liefern und die Inschutznahme von Naturreservaten in Zeichnungen isländischer Herkunft (Kananginak Pootoogook, *1952) präsent ist. Ab nach Venedig und zurück ins Paradies: Vor dem Sündenfall stocherten alle friedlich nebeneinander in der Erde, warfen Fischernetze aus und griffen auf dem selbst geknüpften Teppich in den Zelten zu ihren Instrumenten.

Verwandtschaften zur documenta
Alle zehn Jahre kommt es vor, dass die Biennale und die documenta den Vergleich herausfordern. 2017 sind sie sich verwandt in den Themen, tragen ein Bewusstsein vor über die Problematik von Migration, rufen historische Positionen in Erinnerung und beantworten den ermüdeten Fortschrittsglauben mit berührenden Exponaten indigener Autorinnen und Autoren. «Dringlicher denn je sind wir auf die Stimmen der Künstler angewiesen», formulierte die griechische Kulturministerin Lydia Konior­dou an der Medienkonferenz in Kassel. Und wenn sich auch die rhetorischen Outputs ­Venedigs und Kassels ähnlich sind, so hat die documenta doch eines souveräner umgesetzt: Indem sie unterscheidet, was Kunst sei und was die Dokumentation von Lebensentwürfen, indem sie ortspezifisch argumentiert und auch ihr eigenes, historisches Gewissen zum Thema macht, gewinnt die Kunst - und mit ihr der Betrachter, die Betrachterin - den Platz, den ihr der haltlose Glaube in Venedig entzieht.
Isabel Zürcher ist Autorin und Kunstwissenschaftlerin in Basel und Mulhouse mail@isabel-zuercher.ch

Bis: 26.11.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Autor/in Isabel Zürcher
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