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Fokus
7/8.2017


 Die 57. Biennale Venedig fordert viel von ihren Gästen. Nebst den Hauptschauplätzen locken zahlreiche über die Lagune verstreute Ausstellungen. Was wählt man in dieser Fülle aus? Der Autor führt uns von einem entlegenen Ort mitten ins Herz des venezianischen Biennale-Lärms.


57. Biennale Venedig - Tanzen auf dem leeren Pulverfass


von: Samuel Herzog

  
links: Marcella Ernest · Wah.shka, 2017, Videoinstallation
rechts: Damien Hirst · Schädel eines Zyklopen, 2017 ©ProLitteris. Foto: Prudence Cuming Associates


Mit höchster Konzentration mäandert man sich durch die Räume der Biennale. Der Blick huscht wie ein gehetztes Tier über Wände und Böden, hält sich da einige Sekunden an einer Malerei fest, dreht dort ein paar Kreise in einer Installation, taucht kurz ins Dunkle einer Videokoje ein. Es muss schnell gehen, denn man hat ja erst einen kleinen Bruchteil gesehen. Und man kommt nicht voran. Vor allem während der Eröffnungstage sind die Gänge arg verstopft. Also empfindet man bald so manches als eine Zumutung. Videos, deren Kernaussage man nicht sofort versteht. Installationen, in denen man Texte lesen oder Töne hören muss. Kollegen, die mehr als ein paar Sekunden mit einem plaudern, Künstlerinnen, die einem den Hintergrund ihrer Arbeit erklären wollen - oder noch schlimmer: den Vordergrund. Ganz abgesehen von Pressedamen, Galeristen, nicht ausgestellten Artisten...
Man schaufelt so viel Kunst rein wie möglich. Denn in zwei Tagen hebt ja wieder der Flieger ab. Einige Art-Profis bekunden zwar stolz, dass sie mehr Kunst pro Stunde schaffen als die schlappen Amateure. Die meisten aber leiden. Würde man unter den Gehetzten eine Umfrage machen, dürften viele der Ansicht sein, dass ein solches Konsumverhalten eigentlich sinnlos, respektlos und lustlos ist. Eigentlich. Denn die Realität sieht anders aus. Darin ist der Kunstkonsument der absolute Mega-Shopper.

Eine Art Vorparadies

Es geht allerdings auch anders. Denn die Biennale Venedig, das ist nicht nur die internationale Hauptausstellung im Arsenale und in den Giardini. Das sind nicht nur die Pavillons der Länder, die «man gesehen haben muss», und die Museumsausstellungen, «um die man nicht herumkommt». Die Biennale ist vielmehr ein wundersames Düngemittel, das Kunst auch an einsameren Gestaden der Lagune zum Blühen bringt - wenn auch manchmal in Farben, die nicht ganz der Mode entsprechen.
Wer so abgelegene Ziele ansteuert, kommt automatisch in einen anderen Rhythmus hinein. Denn der Weg ist weit und es lässt sich kaum voraussagen, ob die Kunst vor Ort den Aufwand lohnt. Im Gegenzug lernt man andere Ecken von Venedig kennen und ist auf eine ungewohnte Weise dankbar für alles, was einem geboten wird.
Als mich das Boot der Linie 4.2 auf Certosa absetzt, habe ich das Gefühl, in einer Art Vorparadies gelandet zu sein, wo alles sofort und ohne Widerrede in Wartehaltung verfällt. Ein wenig betäubt vielleicht auch von dem süssen Duft des Chinesischen Klebsamens, der einem neben dem Landungssteg seine fetten Blüten entgegenstreckt. Im Zentrum der Insel ragt einsam ein halb zerfallener Fabrikschlot aus Backstein in den Himmel auf, im Norden harren hinter einem Drahtzaun die Ruinen der Kartause ihrer Rennovation, daneben steigen vor einem kleinen Kongresszentrum elektronisch generierte Dampfschwaden in die Luft. Auf einer stattlichen Wiese hat der Wind einige Bäume so in Schieflage geblasen, dass sie kunstvolle Bögen formen. Unter einem dieser Gebilde liegt ein Liebespaar im Gras und fühlt sich bis zu meinem Erscheinen derart ungestört, dass ich jetzt wohl die Nicht-Zeugung eines kleinen Venezianers zu verschulden habe. In den Werfthallen im Westen sitzen drei Mechaniker am Boden und trinken Cola, zwischen ihnen ein zerlegter Aussenbordmotor. Plötzlich höre ich eine weibliche Stimme, die Beschwörendes murmelt, gleich darauf geht ein rhythmischer Singsang los. Die Töne kommen aus einem kleinen, mit seinem Unterbau aus grossen Steinquadern auffällig stabil gebauten Häuschen.

Ein leeres Pulverhäuschen
Ich habe die Kunst gefunden. Kaum bin ich in den dunklen Raum getreten, schlägt vor mir ein Blitz in den Brandungsschaum, bleibt für zwei lange Sekunden wie ein leuchtendes Zeichen am Himmel stehen, verglüht dann und zerbröckelt. Das nächste Bild zeigt einen See im Abendlicht, ganz still, ein zartes Schimmern. Eine weitere Projektion lässt dasselbe Gewässer auf dem Kopf stehen, dann spritzt Wasser über Steine. Das dritte Video ist ein Zusammenschnitt aus (vermutlich) gefundenem Material, das so etwas wie ein Volksfest unter offenem Himmel dokumentiert: Indianer mit mächtigem Federschmuck hüpfen rhythmisch umher, verschwinden aber dann und wann im Rauschen und Flackern des alten Bandes. Die Installation stammt von Marcella Ernest, einer Künstlerin aus dem Stamm der Ojibwe, die laut Saaltext bekannt ist für ihre experimentellen Filme und Videoperformances. Ernest ist eine von drei Vertreterinnen der nordamerikanischen Ureinwohner, die von einem dreiköpfigen Kuratorenteam in eine Ausstellung mit dem Titel ‹Wah.shka› aufgenommen wurden.
Wah.shka bedeutet in der Sprache der Osage, dass jemand sein Bestes gibt, bescheiden ist und sich ständig bemüht, die Welt zu verstehen. Hier versuchen drei Frauen, sich mit Hilfe zeitgenössischer Kunstpraktiken für den Erhalt der Bilder und Symbole, der Werte und der heiligen Stätten ihrer Kulturen einzusetzen. Jetzt zischt ein Harpune durch trübes Wasser und bohrt sich in den Leib eines Hechts, der in der Kälte kaum mehr die Kraft hat, sich zu wehren. Langsam wird das Tier hinauf zu ­einem kreisrunden Loch im Eis gezogen, durch das es schliesslich verschwindet.
Die Installation von Ernest kombiniert solch starke Szenen mit Aufnahmen, die ein wenig wie Füllmaterial wirken. Doch das mag auch dem Schnitt geschuldet sein, der die Bilder etwas unbeholfen aneinanderreiht. Trotzdem hat die Installation eine Stimmung, die auch zu diesem Ort passt, zu dieser Casella delle Polvere, dem Pulverhäuschen. Denn wir sind weit weg von aller venezianischen Pracht, wir sind da, wo das Pulver ohne allzu grossen Schaden explodieren kann.
Ich habe Zeit. Das nächste Vaporetto geht erst in einer halben Stunde. Aber ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich hier sitze und mir in Ruhe diese seltsamen Videos ansehe - derweilen es im Zentrum von Venedig brummt und summt voller lauter Kunst. Es kommt mir vor, als bliebe ich meine Leistung als Kunstbetrachter schuldig. Nur, wem schulde ich sie eigentlich? Der Welt? Mir selbst? Dem Diskurs?
Man sollte Texte mit der gleichen Sorgfalt lesen, wie sie geschrieben wurden, hat einst Henry Thoreau vorgeschlagen. Das liesse sich leicht auch auf Kunstwerke übertragen. Für mein Gefühl wäre das durchaus eine Haltung, die viel verändern würde - nicht nur in der Kunst. Und zweifellos wäre es Wah.shka, so ein Leben zu versuchen. In unserem Alltag allerdings sind wir sehr weit davon entfernt, beschränken wir die Achtsamkeit meist lieber auf unsere Yogakurse.

Eine völlig masslose Ansammlung

Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, besuche ich am nächsten Tag den Palazzo Grassi und die Punta della Dogana. Chez Pinault zeigt Damien Hirst die Schätze eines Schiffs, das in der römischen Kaiserzeit vor Ostafrika gesunken sein soll - eine in jeder Beziehung völlig masslose Ansammlung von Skulpturen aus allen Weltreligionen, aus Märchen, Comics und Fantasyabenteuern, überwuchert von Korallen und versteinertem Meeresgetier, durchpulst von einem absoluten Willen zum Gag. Originell ist das nicht - fiktive Schätze haben andere schon mit mehr Gewinn für den Geist gehoben. Aber Hirst hat seine magere Idee mit einer solchen Wucht breitgetreten, dass es mir die Nackenhaare aufstellt. Eine so zynische Affirmation der Wertschöpfungsmechanismen des Kunstmarkts habe ich noch nie gesehen. Das ist Kunst, die einem direkt ins Gesicht kotzt. Das ist böse. Das ist gut. Und es gibt zweifellos viel mehr zu reden als ein paar Indianer, die auf einem leeren Pulverfass herumhüpfen. Aber haben wir auch wirklich mehr davon?

Bis: 03.12.2017


Wah.shka, Isola della Certosa, Casella delle Polvere, bis 19.7. www.marcellakwe.com Damien Hirst: Treasures from the Wreck of the Unbelievable, Palazzo Grassi und Punta della Dogana, bis 3.12.; mit Katalog www.palazzograssi.it



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Ausgabe 7/8  2017
Autor/in Samuel Herzog
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