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Fokus
7/8.2017


 Der über die Geophysik zur Kunst gekommene Florian Dombois hat mit dem Klangkünstler und Instrumentenbauer Kaspar König einen Windkanal gebaut. Damit haucht er seit 2014 auf dem Dach der ZHdK verschiedensten Wissensbereichen ­neuen Atem ein. Das Artefakt wirft derart viele produktive Fragen auf, dass der amerikanische Kunstkritiker James Elkins konstatiert: ­«Every art school should have one!» Jetzt luden die Finnen Dombois ein, einen Windkanal in ihrem Forschungspavillon in Venedig zu realisieren.


Florian Dombois - Künste und Wissenschaften als Wind


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Ansicht des Windtunnels auf dem Dach des Toni-Areals im Frühjahr 2017. Foto: Michael Egloff
rechts: Zusammenstellung von Motiven der Wind Tunnel Drawings (2013), Bleistift auf Transparentpapier mit Abstand zur Wand frei hängend


Gewiss haben Windkanäle poetisches Potenzial - nebst ihren primären Funktionen, die darin bestehen, alles, was fliegen, fahren oder auch Stürmen standhalten soll, darin zu erproben. Dies lässt der Windkanal deutlich werden, den Florian Dombois zusammen mit Kaspar König, zwei Modellbaufreaks und Studenten «do it yourself»-mässig in einem Hinterhof an der Hafnerstrasse in Zürich gebaut hat. Er schwingt verblüffend zwischen einem technisch-wissenschaftlich-funktionalen Windkanal und einer reinen Repräsentation davon hin und her. Wie aus der Erinnerung verdichtet Dombois hier die hundertjährige Geschichte dieser Modellarchitektur und lädt sie zugleich mit einer Reflexion über die Konzepte und Praktiken auf, für die sie steht. Der Windkanal hat in dieser Hinsicht eine gewisse Verwandtschaft mit den von Thomas Schütte seit 1980 geschaffenen Architekturmodellen, die, obwohl dreidimen­sional und unterschiedlich materialisiert, wie gezeichnet oder karikiert wirken. Zuweilen scheint hier eine bitterböse Kritik an unserer Gesellschaft mitzuschwingen.
Dombois ist jedoch kein Zyniker. So sieht er im Driften zwischen disparaten Kompetenzbereichen, wie sie Schütte in seinen ‹Sieben Feldern›, 1990, noch als Hoffnung anzudeuten vermochte, mögliche Auswege aus der Katastrophe. An Windkanälen begeistert ihn - abgesehen von ihrem poetischen Potenzial - das spielerische, zuversichtliche Bauen und Tüfteln aus oft dreimal nichts, vergleichbar mit Bauten von Flugpionieren und Modellfreaks, die gerade deshalb so umwerfend schön sind.
Anders die Futuristen, die in ihren Gemälden die Geschwindigkeit in Form von Linien und Stosswellen darstellten, so, wie sie damals in Windkanälen beobachtet wurden, tüftelt Dombois nicht für eine ferne Zukunft. Vielmehr versteht er die Kanäle als Versuchsgeräte: «Windkanäle stehen oftmals für die maskulinen Vehikel, Gewehre und Geschosse des 20. Jahrhunderts. Das finde ich schwierig. Aber ich sagte mir, wenn es auch nicht möglich ist, die Moderne dadurch zu überwinden, dass man sie vergisst - denn das wäre typisch modern -, so könnte man sich vielleicht zurückdenken und sie anders angehen. Ich fragte mich, ob wir zu einer anderen Moderne kommen, wenn wir einen Windkanal bauen, der langsam bläst.»

Eine poetischere Moderne

Dombois ist im Bereich der Transdisziplinarität schon länger eine wichtige Figur. Dabei geht es nicht nur um verschiedene künstlerische Disziplinen wie Plastik, Literatur, Musik, Malerei, Skulptur, Video. Er erwies sich auch um die Jahrtausendwende als Mann der Stunde in Bezug auf die Reflexion und Organisation einer Transdisziplinarität, die auch die disparatesten Wissenschaften einbezog - ähnlich wie in der Renaissance, der Aufklärung oder der Jahrhundertwende um 1900, als sich jeweils die Künstler/innen mit neu erwachtem Interesse diesen Gebieten zuwandten.
Als Sohn eines Ausstellungsarchitekten ist Dombois bereits in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen, das gegenüber neuartigen Formfindungen aufgeschlossen war, ohne diese unbedingt als Kunst zu sehen. «Ich war viel an Happenings. Diese waren oft ästhetisch arm und unglaublich langweilig. Erst Jahre später merkte ich, dass sie meine Wahrnehmung verändert haben. Ich habe anders zu gucken gelernt. Und das ist fantastisch. Sie haben mir eine neue Welt in der alten erschlossen. Kunst also nicht als Ereignis, sondern als Wahrnehmungsschule.»
Dombois studierte Geophysik und Philosophie. Erst über seine Promotion, in der er sich mit Fragen der Visualisierung und Sonifikation von Erdbeben beschäftigte, begann er sich wieder in Richtung der Künste zu bewegen. Er erkannte dabei, wie stark die Wissenschaften unterschiedlicher Formen von künstlerischer Umsetzung und von Bildgebungsverfahren bedurften. Selten genügte angesichts der abstrakten Fragestellungen ein fachspezifischer Aufsatz. Die Themen werden oft erst sicht- und verhandelbar, wenn es gelingt, sie auch für ein breiteres Publikum zu übersetzen. Hier sah Dombois das Potenzial von künstlerischer Sprache und Darstellung.
2003 wurde er an die Hochschule der Künste in Bern/hkb berufen und gründete dort das Y - Institut für Transdisziplinarität. Er war auch der Autor des 2006 herausgegebenen 10-Punkte-Textes ‹Kunst als Forschung: Ein Versuch, mir selbst eine Anleitung zu schreiben›, der international ein enormes Echo auslöste. Wie er in der Publikation zu seinem Windkanal schreibt, den er nun im finnischen Forschungs­pavillon in Venedig mit gebrauchten Materialien aus der Lagune entstehen lässt, sah er sich mehr und mehr mit einem «gekaperten Diskurs» konfrontiert.
Die Berufung als Professor an die Zürcher Hochschule der Künste/ZHdK 2011 mit der Aufgabe, dort ein ähnliches Laboratorium für Transdisziplinarität aufzuziehen und zu betreiben, gab ihm die Möglichkeit, nochmals von vorne zu beginnen. Er ging davon aus, dass man mit einem Artefakt, in dem das Kräftefeld zwischen den Künsten und den Wissenschaften auch sinnlich erfahrbar sei, wahrscheinlich rundum produktiver werden könnte: «Ich war einige Monate, bevor ich nach Zürich ging, von Ute Meta Bauer als Gastkünstler ans MIT in Boston eingeladen worden und entdeckte auf dem Campus den Brother-Wright-Windtunnel, der noch von Orville Wright in den 1930ern eingeweiht worden war. Er wird nach wie vor für Experimente benutzt, was für ein naturwissenschaftliches Laboratorium unglaublich langlebig ist. Ich liess ihn mir vom Operateur zeigen und hörte dabei von einem echten Testmodell von Alexander Calder, das sie dort im Lager nach fast fünfzig Jahren zufällig wiedergefunden hatten. Ich dachte, das ist es. Ich muss in Zürich einen Windtunnel bauen.»

Experimentier- und Metaphernmaschine

Seismische Messungen, das Abhören und Belauern des Erdkörpers, hatten ihm deutlich gemacht, dass es im Gebiet der Physik extrem poetische, suggestive Orte gibt. Zudem war ihm als langjährigem Segler die Poesie des Windes vertraut. Es erstaunt Dombois jedoch selbst, dass ihm das Potenzial des Windkanals auch nach sechs Jahren noch nicht ausgeschöpft erscheint - weder als facettenreiche Metapher noch als experimentelles Instrument, obwohl er bereits unzählige Studienprojekte, Vorträge, Gespräche, Lesungen, Performances, Konzerte und Feste durchgeführt hat. Lachend stellt er fest, dass jeder/e sofort etwas einzubringen hat: «Die Plastiker/innen etwa finden es schön, dass da eine Skulptur aus Wind ist. Die Physiker/innen sind begeistert, dass sie da etwas hineintun und vermessen können.»
Die Erfahrung mit dem Windkanal liess Dombois darüber nachdenken, was es braucht, damit die Wissenschaften und die Künste stattfinden können: «Beim Orakel von Delphi, das tausend Jahre in Betrieb war, wurden einem Antworten gegeben, die man sich selbst erst noch kritisch erarbeiten musste.» Er stamme zwar aus dem protestantischen Norddeutschland, habe es aber, als er in Köln den Katholizismus erlebte, immer faszinierend gefunden, dass darin dem Ritual ein klarer Wert beigemessen wird. «Es gibt Handlungen, deren Wiederholung sich lohnt. Erst in der Wiederholung entsteht ihr Wert. Das interessiert mich auch im künstlerischen Kontext. Ausserdem ist seit Duchamp klar, dass das Artefakt noch nicht das Werk ist, sondern auf einem ‹Sockel des Diskurses› steht, wie Harald Klingelhöller das mal genannt hat.» Für ihn stelle sich deshalb die Frage, wie er im Gemisch von Handlungen und Artefakten Narrative entwerfen könne, die leben.
Dennoch, Kunst muss fassbar sein: «Es braucht etwas, das kritisierbar ist.» Nun baut er in Venedig mit rezykliertem Holz, das er mit dem Segelboot per Wind zum finnischen Forschungspavillon führt, einen neuen Windtunnel und testet, ob er diesem in einer ortsspezifischen Artikulation neuen Atem einhauchen könne: «‹Animus› kommt von Hauch, Wind. Unsere Arbeit hat insofern viel mit Animismus zu tun.»
Zitate aus einem Gespräch mit Florian Dombois am 28.3. in Zürich und einer E-Mail-Korrespondenz.


Bis: 13.08.2017


Florian Dombois (*1966, Berlin) lebt in Bern und Zürich
Seit 2011 Professor an der ZHdK, Leiter des FSP Transdisziplinarität
2003-2011 Professor an der HKB, Leiter des Y - Institut für Transdisziplinärität
1999-2005 künstler.-wiss. Mitarbeiter an der GMD, später Fraunhofer-Institut Medienkommunikation, Schloss Birlinghoven
1998 Promotion ‹Was ist ein Erdbeben? Ein Versuch zur Erweiterung seismologischer Darstellungsweisen› bei Hartmut Böhme, Kulturwissenschaftliches Institut, Berlin
1994-1997 Doktoratsststudien in Amsterdam und Berlin
1989-1992 Studium der Geophysik und Philosophie in Berlin, Kiel und Hawaii

Einzelausstellungen
2016 ‹Inside Out›, Kunsthalle Marcel Duchamp | The Forestay Museum of Art, Cully
2014 ‹Angeschlagene Moderne›, Museum Haus Konstruktiv, Zürich
2011 ‹Room with a View›, Zbiornik Kultury, Krakau
2009 ‹Off the Record›, Galerie gelbe MUSIK, Berlin
2008 ‹Essential Landscape› (mit George Steinmann), Gal. Bernhard Bischoff, Bern; you are here | you
are there›, Marks Blond, Bern
2007 ‹What are the places of danger?›, Imprimerie Basel
2006 ‹A Method...› Marks Blond, Bern; ‹Brekzien›, Gal. Rachel Haferkamp, Köln
2003 ‹terra antwort›, Gal. Rachel Haferkamp, Köln



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Florian Dombois [09.07.17-13.08.17]
Institutionen Research Pavilion [Venezia/Italien]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Florian Dombois
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