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Fokus
7/8.2017


 Gegründet wurden die Skulptur Projekte 1977, um junge Entwicklungen der Skulptur im Aussenraum zu zeigen und «unters Volk» zu bringen. Damals eine Pionierleistung, ist es heute gang und gäbe, Kunstwerke jenseits musealer Räume aufzustellen. Die Schau in Münster tut sich durch das überaus sorgfältige Einfügen der Werke in die jeweiligen Orte hervor.


Skulptur Projekte Münster - Freiluftausstellung durch die Zeiten


von: Brita Polzer

  
links: Oskar Tuazon · Burn the Formwork (Verbrennt die Verschalung), 2017, Industrieareal beim Hafen
rechts: Pierre Huyghe · After ALife Ahead (Nach einem K-Leben vor dem was kommt), ehemalige Eissporthalle ©ProLitteris. Foto: Brita Polzer


Polzer: Als die Skulptur Projekte erstmalig stattfanden, gab es beträchtliche Proteste seitens der Bevölkerung. Wie geht Münster heute mit dem vierzigjährigen Erbe um?

Wagner: Damals waren die Skulptur Projekte eine Provokation. Klaus Bussman, damals Kurator am Landesmuseum, hatte Kasper König eingeladen, den Teil einer Skulpturen-Ausstellung zu kuratieren, der im Aussenraum stattfinden sollte. Bussmann hatte grosses Vermittlungsengagement und wollte die Kunst raus aus dem Museum in die Stadt bringen. Im «Projektbereich», von dem die Schau ihren Namen hat, wurden neue und Anstoss erregende Positionen gezeigt. Die damalige Aversion ist heute zu einer Umarmung geworden, die Münsteraner sind sehr stolz auf die Ausstellung und geniessen es, dass «ihre» Stadt für ein paar Monate in eine komplett andere Stimmung getaucht wird. Münster ist geprägt von einem akademischen Bildungsbürgertum, der Universität und der Präsenz der Kirche. Dieses konservative, aber auch studentisch geprägte Umfeld ist nun generationenübergreifend mit den Skulptur Projekten konfrontiert.

Polzer: Es ist auffällig, dass in eher peripheren, kleineren Städten - so auch in ­Kassel - derart grosse und langlebige Kunstprojekte entstehen.


Wagner: Münster eignet sich gut als Testfeld, als eine Art Modell. Man tritt aus dem Haus und schon kommt wie in einer Soap Opera von links ein Fahrrad, von rechts der Milchmann. Das Leben scheint weitestgehend in Ordnung, die sozialen Brennpunkte liegen eher im Ruhrgebiet, sodass Münster dagegen wie das Reich der Glückseligen erscheint. In dieser auch kartografisch gut lesbaren Stadt lassen sich Dinge modellhaft ausprobieren.

Polzer: Und Sie meinen, dass diese Lesbarkeit für die Kunstschaffenden speziell interessant sei?

Wagner: Zumindest um bestimmte Fragen immer neu zu stellen. So hat sich beispielsweise Nairy Baghramian (*1971, Isfahan) für ihre ‹Privileged Points› den Erbdrostehof ausgesucht, genau den Ort also, an dem 1997 schon Richard Serras ‹Trunk› stand, der sich heute in St. Gallen befindet, oder 2007 Andreas Siekmanns ‹Trickle down›. Baghramian spielt unter anderem mit Momenten der männlichen Besetzung. Es gibt mehrere Werke, die sich mit früheren Ausgaben und der Geschichte der Skulptur Projekte beschäftigen.

Polzer: Alle Ausgaben hatten einen anderen Charakter. 1977 sprach man davon, die Moderne schaffe es jetzt bis in die Idylle des Aasees. 1997 wurde eine festivalisierte Ortsbesetzung der Stadt konstatiert. Was wäre das Charakteristikum der aktuellen Ausgabe?

Wagner: Eigentlich kann man das erst Jahre später erfassen. Aber was aktuell in mehreren Arbeiten auf sehr unterschiedliche Weise eine Rolle spielt, ist das Moment der Gemeinschaft. In Koki Tanakas (*1975, Japan) ‹How to Live Together And Sharing the Unknown› werden temporäre Gemeinschaften verhandelt. Tanaka hat acht unterschiedliche Teilnehmer/innen sowie einige Impulsgeber eingeladen, in Workshops ausgewählte Themenfelder zu erarbeiten und zu diskutieren. Der Community-Gedanke spielt auch bei Jeremy Dellers (*1966, London) langjährigem Tagebuchprojekt in einem Schrebergartenareal oder bei Oskar Tuazon (*1975, Seattle) eine Rolle. Tuazon hat am Kanal ein möbelartiges Objekt mit Feuerstelle platziert, das auch Nachtaktive anzieht. Eine temporäre Gemeinschaft, versammelt um eine archaische Feuerstelle, taucht auch bei Aram Bartholl (*1972, Bremen) auf.

Polzer: Aufgefallen ist mir, dass nicht wenige Arbeiten in stillgestellten, entfunk­tionalisierten Räumen untergebracht sind, so beispielsweise die von Pierre ­Huyghe (*1962 Paris) in einer alten Eishalle, von Mika Rottenberg (*1976, Buenos Aires) in einem seit einigen Jahren nicht mehr genutzten Asia-Laden oder auch eine weitere Elektronik-Installation von Aram Bartholl, diesmal mit Teelichtern in einer sonst verschlossenen Unterführung.

Wagner: Im sauberen und aufgeräumten Münster war es wirklich schwierig, undefinierte oder gestaltbare Raumsituationen für Arbeiten zu finden, die in Städten im Ruhrgebiet wohl noch eher vorhanden sind. Mika Rottenberg hat einen Laden gesucht, der auf Billigware spezialisiert ist, ähnlich einem der Orte, die auch in ihrem Film vorkommen. Dafür gibt es anscheinend in Münster keine Käuferschichten - oder die Räume stehen nicht lange leer, sondern werden sofort zu teurem Wohnraum.

Räume, Honorare, Kosten
Polzer: Wie finden die Künstlerinnen ihre Räume? Können sie einfach losspazieren und sich etwas aussuchen und dann schaut man, was möglich ist?

Wagner: Das trifft es recht gut. Einige kennen Münster auch bereits, Thomas Schütte war schon mehrfach eingeladen. Künster/innen, die noch nie da waren, bewegen sich meist erst mal durch die Stadt und machen dann im besten Fall Vorschläge oder erzählen von ihren Ideen. Erst wenn es hinsichtlich des Ausstellungskonzepts und der künstlerischen Idee einen Sinn ergibt, kommt es zur definitiven Einladung. Anschlies­send versuchen wir, die administrativen Hürden zu nehmen und die Genehmigungen einzuholen.

Polzer: Das ist eine königliche Geste, die da geboten wird: «Komm, Künstler - hier hast du die Stadt.»

Wagner: Weniger königlich ist das niedrige Honorar, allerdings können wir ein gutes Realisierungsbudget bieten. Und natürlich versuchen wir, zusätzliche Gelder zu generieren. Es gibt aber auch sehr günstige Projekte: Lothar Baumgartens ‹Drei Irrlichter› an der Lambertikirche haben 1987 nur wenige D-Mark gekostet.

Polzer: Helfen auch Galerien?

Wagner: Die Autonomie der Ausstellung ist uns sehr wichtig. Fast alle Arbeiten entstehen neu. Wenn überhaupt, kamen die Galerien erst dazu, wenn die Inhalte standen und wir ein Werk wirklich nicht stemmen konnten - so zum Beispiel bei Pierre Huyghes Arbeit in der Eishalle.

Polzer: Nicht wenige Arbeiten werden in Innenräumen gezeigt. Könnte es sein, dass sich die Künstler ganz gern wieder zurückziehen aus dem öffentlichen Aussenraum und geschütztere Orte suchen? Aktuell finden ja inflationär viele Kunstprojekte im städtischen und landschaftlichen Aussenraum statt.

Wagner: Diesmal haben mehrere Künstler/innen Räume wieder öffentlich zugänglich gemacht und den Raum selbst in ihr Projekt involviert. Die Arbeit von Hito Steyerl (*1966, München) wird in der ehemaligen Kassenschalterhalle der LBS gezeigt. Diese Bausparkasse verfügt über eine Sammlung, die nun für dreieinhalb Monate zugänglich ist. Die Architektur der Eingangshalle, sowohl aussen als auch innen, korrespondiert in Bezug auf die Materialien - Aluminium, Marmor, Spiegelflächen, sehr glatte Oberflächen - fabelhaft mit Steyerls Arbeit, die zudem einen akustisch geeigneten Raum brauchte. Gerald Byrnes Videoarbeit, in der es um ein Radiostudio geht, wird in einem schallisolierten Raum der Stadtbücherei gezeigt.

Stadtpläne und Kunstwerke
Polzer: Zunehmend scheinen Ausstellungen wie die Skulptur Projekte oder die ­documenta zu einer Art Stadtführung zu werden. Der Lageplan der documentas in Athen und Kassel bestand aus einer rudimentäre Karte, auf der die einzelnen Ort und ihre Geschichte kurz beschrieben wurden, während die Künstler/innen ausschliesslich mir ihren Namen aufgeführt waren.

Wagner: Lagepläne verzeichnen ja nun mal vornehmlich Orte. In Münster ging es von Anfang an darum, nicht im White Cube auszustellen, sondern in Alltagsräumen. Darüber hinaus trifft man in der Stadt auch noch auf die 36 Werke aus früheren Ausgaben, die durch bürgerschaftliches Engagement hierbleiben konnten. Wie auch das Skulptur-Projekte-Archiv sind dies die «Orte», die - anders als bei anderen Grossausstellungen - für Münster eben eine Wichtigkeit haben.

Polzer: Es ist schon erstaunlich, auf wie viel gute, ganz unterschiedliche und sorgfältig platzierte Arbeiten man hier stösst, in Parks, an Strassenecken, auf Plätzen. Eine reiche Vielfalt, von der andere Städte nur träumen können.

Die aktuelle Schau, kuratiert von Kasper König als künstlerischem Leiter zusammen mit Britta Peters und Marianne Wagner, stellt 35 neue Werke vor. Erstmalig werden skulpturale Arbeiten auch im etwa 60 km entfernten Marl gezeigt, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend anders als Münster entwickelt hat. Marianne Wagner (*1978, Schlieren/CH) ist seit 2015 Kuratorin für Gegenwartskunst am LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Vorher war sie am Kunstmuseum Thun, am Aargauer Kunsthaus und der Universität Bern tätig.


Bis: 01.10.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Skulptur Projekte 2017 [10.06.17-01.10.17]
Institutionen LWL-Museum für Kunst und Kultur [Münster/Deutschland]
Autor/in Brita Polzer
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