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Fokus
7/8.2017


 «Being safe is scary» ist anstelle von «Fridericianum» auf der Fassade des klassizistischen Museumsbaus in Kassel zu ­lesen, der traditionellerweise das Herzstück der documenta bildet. Die Künstlerin Banu Cennetoğlu greift damit den Ansatz des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk auf, Gewohntes und ­vermeintlich Sicheres infrage zu stellen.


Documenta 14 - Kunst als Lebenshilfe in einer prekären Welt


von: Maren Lübbke-Tidow

  
links: Hiwa K · When We Were Exhaling Images, 2017, verschiedene Materialien, in Kooperation mit PD022, Diplom Programme, Product Design, Kunsthochschule Kassel, Friedrichsplatz, documenta 14
rechts: Ibrahim Mahama · Check Point Sekondi Loco, 1901-2030, 2016-17, Torwache, documenta 14


Schon in Athen, wo die Weltkunstausstellung mit rund 150 Künstler/innen im April an nahezu fünfzig Spielorten auftaktete, überzeugte das offene Konzept der documenta 14 mit vielen unbekannten und wiederentdeckten Positionen - ein Zugang, mit dem es gelang, dass wir uns unsere Fragen und Erwartungen an die Kunst vergegenwärtigen und das utopische Potenzial, das in der Kunst steckt, (vielleicht) wieder neu erkennen (KB 5/2017, S.70-77). In Kassel liess sich nun die veränderte Rezeption beobachten, die dem Transfer der Schau vom europäischen Süden in den Norden geschuldet war. Zudem waren die betrieblichen Routinen stärker zu spüren, die greifen, wenn Kunst in etablierten documenta-Spielstätten ihren Raum findet.
Das tat den Werken gut, konnten sie sich doch hier - anders als in Athen - museal behaupten. Zugleich macht der Vergleich aber auch deutlich, wie befreiend es für eine Institution wie die documenta sein kann, mit einem zweiten Standort alte Sicherheiten aufzugeben: um in veränderten Kontexten neue Sichten auf die Kunst zu öffnen. Diesen Aspekt griff die documenta bspw. mit einer frühen Arbeit von Hans Haacke auf. 1959, noch Student in Kassel, wirkte er an der zweiten Ausgabe der documenta als Aufsicht mit. Seine damaligen «Fotonotizen» zeigen Werke der Moderne/Avantgarde, so, wie sie von Arnold Bode für die documenta nach Deutschland gebracht wurden, im widerspenstigen Zusammenspiel mit ihren Betrachter/innen. Mit ihnen werden Atmosphären Nachkriegsdeutschlands greifbar - der noch prekäre Status der Avantgarden wie auch der unsichere, gespaltene Zustand der deutschen Gesellschaft. Haackes Bilder zeigen mit so einfacher wie eindringlicher Geste die Kontextabhängigkeit von Rezeption - und ihre Kontingenz.

Respekt vor der Eigensinnigkeit von Kunst

Vielfach wurde kritisch angemerkt, dass die Kurator/innen die Kunst moralisch überfrachteten, die documenta sich zu einer «Gerechtigskeitsmaschine» (Boris Pofalla) aufbäume und zugleich zu wenig Kontextwissen anbiete. Welche andere Aufgabe aber kann die documenta haben, wenn nicht Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen und (auch historische) soziale/politische Missstände zu sein, Fragen aufzuwerfen und danach zu forschen, wie die Kunst sich durch diese Gegenwart durcharbeitet und ihren eigenen Raum entfaltet? Was manche als mangelnde Kontextualisierung bewerten, erweist sich vielfach als Ruf nach Kunstdidaktik. Didaktik aber ist etwas, was man von Szymczyk noch nie erwarten durfte, auch wenn die Ausstellung mit ‹Learning from Athens› betitelt ist. Nein, die documenta 14 ist auch in Kassel vor allem eine Schule des Sehens und nicht des gesicherten Wissens. Ihre Form ist dem Respekt vor der Autonomie und der Eigensinnigkeit der Kunst geschuldet. Im Zentrum stehen das Werk und seine Ästhetik, seine Komplexität, die Gedanken und Bezüge, die es aus sich heraus formuliert, seine Präzision und das, was es riskiert - und offen hält.

Verweigerung der grossen Geste
So verlangt diese Ausstellung (wie jede Grossausstellung) ein punktuelles Eintauchen. Sie verweigert sich einer grossen Geste, auch wenn die einzelnen Spielorte unterschiedliche Felder auftun. Z.B. Krieg: Köken Ergüns Video ‹I Am a Soldier› ist ein Beispiel psycho-manipulativer politischer Gewalt. Es zeigt, wie jugendliche (hier: türkische) Soldaten eingeschworen werden, ihrem Volk zu dienen, bis in den heldenhaften Tod. Z.B. Besatzung: Emily Jacirs fragiles ‹Memorial to 418 Palestinian Villages Which Were Destroyed, Depolulated, And Occupied by Israel in 1948› besteht aus einem Zelt, in das Exilanten die Namen ihrer palästinensischen Dörfer einnähen konnten, die mit der Besatzungspolitik Israels von der Landkarte verschwanden und von ehemaligen Bewohnern nur erinnert werden können. Z.B. Migration: Andrea Bowers Denkmal ‹No Olvidado› ist all jenen gewidmet, deren Versuch, die mexikanische Grenze nach Nordamerika zu überqueren, mit dem Tod endete. Z.B. Asyl: Hiwa K.s Skulptur für den Aussenraum ‹When We Were Exhaling Images› bildet mit seinen mit zivilisatorischen Errungenschaften und Konsumgütern angefüllten Röhren Sehnsuchtsbilder für «ein Zimmer für sich allein» - auf dem Friedrichsplatz offen ausgestellt und doch unerreichbar. Z.B. Angst: Sie wird spürbar in Roee Rosens Videoarbeit ‹The Dust Channel›, ein Kammerspiel in Form einer Oper. Situiert in der häuslichen Sphäre einer bourgeoisen israelischen Familie, gerät deren Angst vor dem Dreck und Staub der Wüste zur Metapher für Xenophobie. Z.B. Enteignung und Restitution: Enteignung jüdischen Besitzes durch die Nazionalsozialisten hat Maria Eichhorn in einer der umfangreichsten und wohl Recherche-intensivsten Arbeiten der documenta extrem beindruckend bearbeitet. Ihre Arbeit ist Kernstück und Klammer der Neuen Galerie, in der über hundert Arbeiten zusammenkommen, die sich vor allem der Migration von Bildern und Ideen widmen. Z.B. Trauma: Andrej Wroblenskos wandte sich nach seinen Verwundungen aus dem 1. Weltkrieg dem Zeichnen zu - um nur wenige Jahre später die Opfer des 2. Weltkriegs bildnerisch festzuhalten, deren Deportation er mit ansehen musste. Seine Bilder changieren zwischen Konkretion und Auflösung.
Man kann dieser Liste von Begriffen aber auch eine andere, ebenfalls ernste, aber vielleicht eher kunstimmanente hinzufügen. Z.B. (ungehörte) Musik: Jenseits des Mainstreams entstandene Kompositionen und Kompositionsprinzipien sind ein Thema. Z.B. Tanz: Die Pionierleistungen des expressiven Tanzes manifestieren sich u.a. im Nachbau eines wunderbaren Tanzbodens von Anna Halprin. Z.B. Performance: Noch nie gab es bei einer documenta so viel an den Körper und seinen unmittelbaren Ausdruck gebundene Kunst. Z.B. (Auflösung der) Geschlechteridentitäten: besonders eindrücklich in den Werken von Ashley Hans Scheirl. Etc. etc. Mit abgesicherten Erfahrungswelten hat all das (immer noch) nichts zu tun. Das wäre scary.
Maren Lübbke-Tidow ist freie Autorin, Kunstkritikerin und Kuratorin, lebt in Berlin. maren.luebbke@gmx.de


Bis: 17.09.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Autor/in Maren Lübbke-Tidow
Link http://www.documenta14.de
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