Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2017


 Seit mehreren Jahren wohne und arbeite ich zwischen Zürich und Paris. Ein paar Wochen hier, ein paar Wochen, Monate dort. Nach Paris kam ich anfangs für fünf Monate mit einem Ate­lierstipendium an der Cité des Arts. Ich hatte ein Wohnatelier, in dem ich viel Zeit verbrachte.


Kunstklima - Paris


von: Vittorio Santoro

  
Atelier Brancusi in Paris, im Hintergrund der Künstler im Gespräch


Anders als in Zürich hatte ich in Paris einen Ort, an dem ich den ganzen Tag und die ganze Nacht bleiben konnte. Das Alleinsein im Künstleratelier erlaubt es, freier und ohne Leistungsdruck zu denken. Ein Atelier (das auch eine Parkbank sein kann) ist ein Ort der Freude, der Angst, aber auch der Ruhe, an dem man sich stark und zugleich angreifbar fühlt. Es ist der Ort, wo man sich lust- und lautlos diffamieren kann und wo Virtuosität keine Selbstverständlichkeit ist. Ein Ort, an dem man lernt, bescheiden zu sein.
Und dann waren da also die Pariser Kunstorte, die ich schon kannte (das Centre Pompidou, das Musée d'art moderne de la Ville de Paris, aber auch das Palais de Tokyo und ein paar Galerien), die ich aber mit neuen Augen sehen wollte. Ein paar Wochen nach meiner Ankunft begegnete ich bei einer Eröffnung zufällig einer Kunstkritikerin, Elisabeth Lebovici, die ich schon lange treffen wollte, weil ich ihre Texte sehr schätze. Sie schlug mir vor, an den Künstler-Talks teilzunehmen, die sie zusammen mit einer Kollegin an der École des hautes études en sciences sociales, damals am Boulevard Raspail, jede zweite Woche organisierte. Da ging ich jedes Mal hin, und es war (und ist) eine Wohltat, Künstler/innen, Literat/innen und Sonstige in einer interessanten und lockeren Umgebung zu hören. An diesen Veranstaltungen lernte ich viele Leute kennen. Den Abend nach den Vorträgen, die heute in der Nähe der Place Saint-Michel stattfinden, liessen wir damals meistens mit dem geladenen Gast ausklingen. Ja, das hat etwas Romantisches und das ist gut so. Denn Paris, anders als Berlin oder Zürich, um nur diese Städte zu nennen, an denen ich schon gewohnt habe beziehungsweise wohne, ist eine anstrengende Stadt in vielen Hinsichten. Kurator/innen oder sonst an deiner Arbeit interessierte Leute, aber auch Freund/innen, kommen selten zu dir, man trifft sich meistens in einem Café im Stadtteil Marais. Da ich im Nordwesten wohne, bedeutet das vierzig Minuten Metro-Fahrt. So versuche ich, ein paar Termine am gleichen Tag zu bündeln. Seit einiger Zeit habe ich die Gewohnheit, meine Rendez-vous beim Atelier Brancusi abzuhalten, der Nachbau von Renzo Piano liegt just ausserhalb des Centre Pompidou. Es ist ein schöner, ruhiger Ort und für alle umsonst zugänglich. Hier gibt es keine Konsumationspflicht, man kann verweilen und sich unterhalten und gleichzeitig die Mise en Scène der Brancusi-Arbeiten bestaunen und immer von Neuem analysieren. Brancusi sah sein Atelier als den «wahren» Ort der Darstellung seiner Werke, und dort inszenierte er sie. Das ist sehr inspirierend und meistens Nahrung für Gedanken mit meinen Gesprächspartner/innen.
Wie in vielen Kunstzentren, die ich erlebt habe, gibt es auch in Paris kaum ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Künstler/innen. Das Kunstsystem will aus jedem Künstler einen genialen Einzelgänger machen, der seinen Platz im kollektiven Gedächtnis einer eigenwilligen (oft auch eindimensionalen) Arbeit zu verdanken hat. Unzählige Instanzen in der Kunstwelt meinen, ein klares Bild vom Künstler zu besitzen, und sie versuchen, dieses zu verbreiten - womit sie Intentionen und Wirken der Kunstschaffenden oft verstellen. Künstlerinnen und Künstler sollten bewusster sein und handeln und ihre Geschicke weniger den sogenannten Art Luminaries über­lassen.
Vittorio Santoro (*1962) lebt in Zürich und Paris und hat zeitweilig auch in New York, Amsterdam und Berlin gewohnt. Aktuell ist er für den Prix Marcel Duchamp 2017 nominiert.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2017
Autor/in Vittorio Santoro
Link http://www.vittoriosantoro.info
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1707101501543LA-6
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.