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Besprechung
7/8.2017


Verena Doerfler :  In der Kunsthalle Basel ist die erste Schweizer Einzelausstellung des chinesischen Künstlers Yan Xing zu sehen. ‹Dangerous Afternoon› verstrickt einen geschickt in ein fiktives Ränkespiel über Begehren, untersucht das Künstliche und Originale und erzählt von imaginären Wahrheiten wie von realer Wahrhaftigkeit.


Basel : Yan Xing - Unter dem Radar der Realität


  
Yan Xing · Dangerous Afternoon, Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2017. Foto: Philipp Hänger


Eben noch erklomm man die Treppe des Kunstvereins. Eben noch sinnierte man über Sinn und Zweck eines Baugerüsts am Treppenabsatz. Eben noch warf man einen Blick in die trist wirkende Parkszenerie vor dem Fenster im 1. OG. Auf der Schwelle zur Ausstellungshalle liest man den ersten Satz im erhaltenen Faltblatt: «Ehrlich gesagt, weiss ich nicht genau, wie ich die Geschichte beginnen soll, die ich Ihnen jetzt erzählen werde», steht da. «Lassen Sie mich so anfangen: Ich bin echt, aus Fleisch und Blut, die Direktorin der Kunsthalle Basel und Kuratorin des Programms. Ich habe den chinesischen Künstler Yan Xing eingeladen, neue Arbeiten für seine erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz zu schaffen.» Dann hat sie einen verschluckt, die murakamihafte Matrix, die sich als harmlose, beglückend leer gehaltene Ausstellung tarnt. Von nun an geht es um die Bürolampe der Kuratorin, um einen fiktiven Kurator, der sich in die Füsse eines Fremden verliebt, der wiederum die Frau des fiktiven Kurators begehrt, dessen Verstörtheit und Paranoia andererseits einen fiktiven Künstler «gebiert», dessen Werke nun in der Ausstellung zu betrachten sind - auch durch Absperrungen geschützte, dreckige Abriebspuren an den Wänden der Kunsthalle, die der fussfetischistische Kurator auf Befehl des Fremden durch Kriechen auf Händen und Knien verursacht haben soll. Für einen Augenblick möchte man sich in die Mitte der Halle auf den Boden legen. Man verspürt das Bedürfnis, den sieben Zigaretten im zengartenhaften Aschenbecher oder als Aschenbecher missbrauchten Zengarten eine achte Zigarette hinzuzufügen. Man möchte das mondän-reduzierte, höchst ästhetisch arrangierte Stückwerk der Ausstellung auf sich wirken lassen und begreifen. Man möchte nachdenken. Verstehen. Wenn es etwas zu begreifen oder zu verstehen gibt. Fiktionen erfüllen viele Funktionen. Ab und an dienen sie Menschen zu Erfindungen, die Grundrechte und Meinungsfreiheit bedrohen - über «fake news», «die Lügenpresse» o.Ä. Oft fungieren sie als Unterhaltung und regen zum Lachen an. Manchmal eröffnet der fiktive «Was-wäre-wenn-Modus» aber auch so etwas wie einen Möglichkeitsraum. Ein Spiel mit dem Selbst. Ein Durchbrechen gesellschaftlicher Grenzen oder staatlich gelenkter Sanktionen. Von einem solchen Spiel zwischen Realem und Imaginärem können gewisse Gefahren ausgehen, denn mitunter begünstigen sie - unter dem Radar der Realität - Umbrüche, die nicht selten im Widerstand münden, denkt man sich und beobachtet Frau und Fremden, wie sie die triste Parkszenerie vor dem Fenster verlassen.

Bis: 27.08.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Yan Xing [02.06.17-27.08.17]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Verena Doerfler
Künstler/in Yan Xing
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