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Besprechung
7/8.2017


Patricia Grzonka :  Verena Dengler liebt anspielungsreiche Titel für ihre Projekte: In der Kunsthalle Bern verwertet sie Vorgefundenes und Triviales, Überdeterminiertes und Banales zu einer weitschweifigen Ausstellung unter dem Titel Jackie of All Trades & Her Radical Chic Academy mit (((HC Playner))).


Bern : Verena Dengler - Radical Chic


  
Verena Dengler · Jackie of All Trades & Her Radical Chic Academy, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, 2017 ©ProLitteris. Fotos: Gunnar Meier


Die Arbeiten von Verena Dengler (*1981) sind Assemblagen unterschiedlichster Materialien und Werkformen, die den Raum frei strukturieren. Allem voran fällt der grosszügige und gleichzeitig kontrollierte Einsatz von verschiedenen Drucksorten, Applikationen und Verarbeitungstechniken auf. Denglers Raumobjekte sind in einem Akt des hintersinnigen ‹Collagierens› aus teils vorgefundenen, teils selbst gefertigten Stücken komponiert. Aber darum geht es eigentlich gar nicht bei diesen Arbeiten. Vielmehr wird hier ein einheitlicher Werkbegriff hinterfragt, der in Zeiten von Post-Partizipation und Aneignungsüberangebot letztlich wieder auf sich selbst rekurriert. Fast melancholisch wird befragt und zitiert, vom Modelabel bis zu Freuds Psychoanalyse. Immer mit dabei ist ein subversiver Gestus, der auch vor Gender­stereotypen nicht halt macht. ‹Jackie of all trades› ist eine weibliche Person, die alles Mögliche kann und in vielem dilettiert: Hans wird zu Hanna oder Hansie.
Die hybriden Versatzstücke in Denglers Arbeiten entstammen einem Zitatencluster aus populärem Massengeschmack, der bisweilen auch mit einer politischen Haltung kokettiert (HC beispielsweise ist das Kürzel eines rechtspopulistischen österreichischen Politikers). Aber gemixt wird auch mit internationalen Avantgardediktaten oder autobiografischen Reminiszenzen - Eigenem und Fremdem. Als Appropriationen führen die Werke etablierte Kunst- und Kulturgeschichte als einen grandiosen Selbstbedienungsladen vor. Die Einzelausstellung in Bern ist nicht der erste Auftritt in einer Schweizer Institution für die in Wien lebende Künstlerin. Bereits 2011 beteiligte sich Dengler an der von der schottischen Künstlerin Lucy McKenzie kuratierten Gruppenausstellung ‹Town - Gown Conflict› in der Kunsthalle Zürich für das ­Museum Bärengasse. Dengler zeigte dort unter anderem eine plastische Assemblage aus unterschiedlich hohen Sockelelementen mit zwei weiblichen Styroporköpfen und Strickturbanen. An die Sockel angelehnt waren Stickbilder mit abstraktem Kringelgeflecht sowie zwei massiven Stuckkonsolen. Verena Denglers Nachfragen nach der Verquickung von Kunstgeschichte im Alltagsdesign begründet sich nicht zuletzt in einem Interesse für die Transferwege der Hochkultur zum Massengeschmack.
Radical Chic ist die favorisierte Disziplin Denglers: In der pointierten Ausstellung ist daher auch immer die Frage präsent, wie Kunst politisch sein kann und wann der gute Geschmack obsolet wird.

Bis: 23.07.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Verena Dengler, Jill Mulleady [20.05.17-23.07.17]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Verena Dengler
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