Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2017


Jana Bruggmann :  Atommacht Schweiz? Tatsächlich dauerten die Bestrebungen der Schweiz, eine eigene Atombombe zu bauen, über vierzig Jahre an. Der Künstler Gilles Rotzetter befasste sich eingehend mit diesem wenig beleuchteten Kapitel. Entstanden ist ein expressiv-gestischer und multimedialer Werkkomplex.


Luzern : Gilles Rotzetter - Der Traum einer helvetischen Bombe


  
Gilles Rotzetter · Swiss Atom Love, 2017, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern


Umgeben von unruhig wirkenden Hunden gleicht der Porträtierte einem Getriebenen. Und genauso stellt sich Gilles Rotzetter (*1978) den renommierten Physiker Paul Scherrer vor, der während des Zweiten Weltkriegs mit dem US-Nachrichtendienst zusammenarbeitete. Er spionierte deutsche Physiker bezüglich der Entwicklung einer Atombombe aus. Ob Scherrer auch nach Beendigung des Kriegs mit den amerikanischen Behörden kooperierte, ist ungewiss. In ‹PScherrer's Night›, 2016, zeichnet Rozetter ein verworrenes, von einem wilden gestischen Duktus geprägtes Porträt der schwer zu greifenden Persönlichkeit des Physikers. Die in Rotzetters Werken sonst so kontrastreichen Farben vermischen sich hier zunehmend, sie versumpfen in düsteren Farbmassen. Die Spuren verlaufen sich denn auch. Scherrer soll nicht nur sein privates Archiv vernichtet haben, auch stehen zahlreiche Akten noch unter Verschluss. Klar ist, dass Scherrer der Kopf eines Projekts zur «Schaffung einer schweizerischen Uranbombe» war, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Geheimen gestartet, 1958 publik und erst 1988 beendet wurde.
Es ist Zeit, dieser Geschichte zu Leibe zu rücken. Was den Besuchenden in der Ausstellung begegnet, sind allerdings lediglich Fragmente einer surreal anmutenden Geschichte. Ein vollständiges Bild zu gewinnen, ist kaum möglich. Rotzetter, der sich für den Aufbau von Archiven und die Konstruktion von Erinnerung interessiert, bildet damit auch seinen persönlichen Forschungsprozess ab. Er greift einzelne Personen oder Fakten auf und lässt seine Recherchen in Form von Korrespondenzen, Dokumenten, Zeitungsartikeln und Fotografien in sein Werk einfliessen. Rotzetter gelingt es damit nicht nur, Leerstellen produktiv zu nutzen. Die blinden Flecke der Geschichte werden überdeutlich und atmosphärisch aufgeladen. Seine schrillen und düsteren Werke, die der Tradition von Bad Painting zuzurechnen sind, transportieren vor allem eins: ein vom Kalten Krieg geprägtes Klima der Angst. Seine Ausstellung ‹Swiss Atom Love› versinnbildlicht die Bedrohungsszenarien, die sich im Kopfkino der Zeitgenossen zu übermächtigen Monstren aufblähten, zu Militarisierungszwecken
genutzt wurden und nach dem Kalten Krieg rasch wieder verpufften. So ist dieses Kapitel Schweizer Geschichte nur noch schwer mit dem vorherrschenden helvetischen Selbstverständnis in Einklang zu bringen. Ein Grund mehr für Rotzetter, sich damit zu befassen.

Bis: 20.08.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Gilles Rotzetter [10.06.17-20.08.17]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Jana Bruggmann
Künstler/in Gilles Rotzetter
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170710180124MAQ-13
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.