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Besprechung
7/8.2017


Verena Kuni :  Im Wald lockt eine kleine Bank. Am Wegesrand wächst Farn. ­Immer tiefer gehst du hinein, immer dichter wird das Grün. Doch eben, da du dich schon im Urwald wähnst, wechselt das Bild. Eine Ebene, auf der sich bestellte Felder dehnen. Dein Urwald? Ist kaum mehr als ein kleiner Hain, der zwischen ihnen liegt.


Mainz : Biotopia - Natur als Traumtableau


  
Julian Charrière · Tropisme, 2014, Ausstellungsansicht von Polygon, 2015 ©ProLitteris, Courtesy Galerie Bugada & Cargnel, Paris. Foto: Martin Argyroglo


David Claerbouts von zunächst meditativ dahinperlender, dann mählich anschwellender Musik begleiteter Waldspaziergang, ‹Travel›, 1996-2013, wirkt wie ein Traum - und ist es auch, mag die Landschaft noch so natürlich scheinen: Wiese, Pfad und Wasser, Gräser und Farne, Efeu und Bäume sind nichts als Bilder, die ein Computer errechnet hat. Eine Fata Morgana im digitalen Raum. Eine Natur nach der Natur, die nur als Bild und im Bild existiert: Es ist diese Perspektive, die Claerbouts bewegtes Traum-Tableau mit den anderen Arbeiten teilt, die ‹Biotopia› in der Mainzer Kunsthalle versammelt.
Teils sind die Biotope, die sie zeigen, wie der Wald in einem Rechner gewachsen. Um Daniel Steegmann Mangranés ‹Phantom (kingdom of all the animals and all the beasts is my name)›, 2014-2015, zu erkunden, muss man ein Oculus-Rift-Headset aufsetzen; die giftig-bunte Ursuppe in Monica Studers und Christoph van den Bergs Video ‹Dark Matter - One Million Years Later›, 2017, brodelt nur auf dem Bildschirm.Giftig-bunt wuchern auch die Gewächse in den Raum, die Daiga Grantina aus Textilien, Metall und Kunststoff formt - die leuchtenden Farben ihres ‹Buff gang or Nectar bough, Pillars Sliding off Coat-ee›, 2014, werden keine Insekten locken. Von geisterhaft weisser, kalter Schönheit sind nicht nur die mit Eis überzogenen tropischen Urpflanzen, die Julian Charrière in einem gläsernen Kühlhaus konserviert, sondern auch Elodie Pongs 3D-Drucke von Blättern, Stängeln und Zweigen, die den synthetischen Düften, mit denen die Parfümindustrie die ehedem aus Pflanzen gewonnenen Essenzen ersetzt, imaginäre Körper geben. Ebenso wie der ‹Dead Immortal Jellyfish›, 2016, ein totes Exemplar der aufgrund ihrer Genetik als unsterblich bezeichneten Spezies Turritopsis dohrnii, das Dominique Koch mit Videoaufzeichnungen rahmt, in denen sich der Philosoph Franco Berardi, der Soziologe Maurizio Lazzarato und der japanische Dichter Seijiro Murayama von diesem zu Reflexionen über Gesellschaft, Arbeit, Leben und Kunst inspirieren lassen.
Wohin das Auge blickt: Leben ist in ‹Biotopia› allein im Widerschein, als Präparat, als Surrogat, als Modell oder als Simulation zu haben. Selbst Baggenstos/Rudolf und Urs Gaudenz von hackteria, die sonst gemeinsam Biohacking-Projekte entwickeln, haben elektronische Pflanzen nach Mainz mitgebracht. Dennoch: Hier geht es nicht um die ‹Grosse Dystopie› des ausgehenden Anthropozäns. Denn wo sonst sollte ‹Biotopia› zu finden sein, wenn nicht in der Kunst und ihren Bildern?

Bis: 30.07.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Biotopia [31.03.17-30.07.17]
Institutionen Kunsthalle Mainz [Mainz/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
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