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Besprechung
7/8.2017


Adrian Dürrwang :  Sechs Fotoschaffende werfen im Kunstmuseum Thun jeweils einen ganz eigenen Blick auf die Fremde und die Schweiz. Ein grosser Bogen über Raum und Zeit, der von Zentralasien in den Dreissigerjahren, dem Berner Oberland in den Fünfzigern bis ins Amazonasgebiet der Gegenwart reicht.


Thun : Aller-Retour - Schweizer Fotografie zwischen Fernweh und Heimat


  
links: David Favrod · Ausstellungsansicht Aller-Retour. Schweizer Fotografie im Wechselspiel zwischen Fernweh und Heimat, 2017, Courtesy Kunstmuseum Thun. Foto: David Aebi
rechts: Yann Gross · Ausstellungsansicht Aller-Retour. Schweizer Fotografie im Wechselspiel zwischen Fernweh und Heimat, 2017, Courtesy Kunstmuseum Thun. Foto: David Aebi


Im Jahr 1930 machte sich Ella Maillart (1903-1997) mit knapp 200 Dollar auf eine erste Reise, die sie bis nach China führte. Diese hielt sie in einem Reise­bericht fest. Als «Logbuch» bezeichnete sie zudem ihre Leica, mit der sie ihre Erlebnisse zusätzlich dokumentierte, wie später das Leben der Bauern in ihrer Wahlheimat ­Wallis. Der subjektive Stil des Thuner Fotografen Martin Glaus (1927-2006) sticht in den Fünfzigerjahren dagegen gerade aus den «objektiven» Reportagen heraus. Seine Motive, oft Kinder, sind nahe am Alltag. Er suchte nach gestalterischer Freiheit und verbrachte viel Zeit in Paris, wo er Künstler wie Jean Cocteau kennenlernte. Schon 1950 entstand das einprägsame Schwarz-Weiss-Foto auf dem Ausstellungsplakat: Ein Motorradfahrer trägt zwei Kinder im Rucksack. Der findige Artist Roman Gries­semann nahm seine zwei fünf- und sechsjährigen Kinder regelmässig so mit und umging damit geschickt das Verbot des Transports auf dem Gepäckträger.
Im Rhonetal war Yann Gross (*1981) für die Serie ‹Horizonville› auf dem Moped unterwegs. Er fand täuschend echte Wildwest-Bauten, an denen Begeisterte ihre Sehnsucht nach dem US-amerikanischen Lebensgefühl stillen. Komplexe Erfahrungen des Fremden prägen auch sein ‹The Jungle Book› von 2015, entstanden anlässlich einer Reise ins Amazonasgebiet. In Thun kreiert er daraus eine Rauminstallation, indem er vor zeitlose schwarz-weisse Aufnahmen des Flusses Fotos und Zitate der Bewohner montiert. Alte und neue Erzählungen, koloniale Bruchstücke, wiederbelebte Traditionen und profane Unterhaltungskultur amalgamieren zu einer komplexen Narration. So prophezeite ein Mythos den durch eine riesenhafte Schlange bewirkten Untergang eines Stamms - der in Form einer breiten Schnellstrasse dann tatsächlich eintrat. Um persönliche Identität kreist der schweizerisch-japanische Künstler David Favrod (*1982). Er reinszeniert Familienerzählungen aus Japan, seinem Geburtsland, und zeigt den nebligen Catogne als mythischen Mount Fudji. Die Ausstellung präsentiert weiter die analogen Fotografien des wandernden «Grenzgängers» Reto Camenisch (*1958) und die komplexen Bild- und Sprachinstallationen von Daniela Keiser (*1963). Insgesamt geben die sehr unterschiedlichen Positionen einen guten Eindruck, wie der «Fremde» zunächst in Reportagen gespiegelt wurde. Und wie die Suche nach dem Fremden von der Idee der Differenz zu einer Frage der Identität, des Patchworks und der Hybridität geworden ist.

Bis: 13.08.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Aller-Retour [20.05.17-13.08.17]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Adrian Dürrwang
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