Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2017


Isabelle Fehlmann :  Die kinematografischen Skulpturen von Glaser/Kunz entfalten im Kunstmuseum Thurgau ihre Wirkung im Dialog - untereinander, mit dem Ausstellungsort und auch mit uns. Das Künstlerduo fragt mit seinen Arbeiten nach dem Wesen von Wahrnehmung, danach, was letzten Endes Realität und was Illusion ist.


Warth : Glaser/Kunz - Ich ist ein anderer


  
links: Glaser/Kunz · Ich ist ein anderer, 2014, kinematografische Skulptur, Videoprojektion mit Ton auf fünf lebensgrosse menschliche Figuren, Installationsansicht Kunstmuseum Thurgau
rechts: Glaser/Kunz · Raben, 2013, kinematografische Skulptur, Videoprojektion mit Ton auf fünf lebens­grosse Rabenfiguren, Installationsansicht Kunstmuseum Thurgau


Wer die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau betritt, kann sich im ersten Moment dem Gefühl, Voyeur zu sein, vielleicht nicht ganz entziehen. So finden wir uns zu Beginn in gedimmtem Licht einer fünfteiligen Figurengruppe gegenübergestellt. Choreografiert wurde die Szene von Daniel Glaser (*1968, Olten) und Magdalena Kunz (*1972, Zürich), die seit Anfang 2000 unter gemeinsamer ­Autorschaft zusammenarbeiten. Die beiden beschreiben diese Arbeit als kinematografische Skulptur: Projektionen geben den Figuren eine bewegte Mimik. Der unterlegte Ton ist exakt darauf abgestimmt, so dass die Figuren ein Eigenleben zu führen scheinen. Das Zitat «Ich ist ein anderer» des französischen Dichters Arthur Rimbaud - zugleich Werk- und Ausstellungstitel - wird hierbei zum Programm. Die Figuren transformieren mit der Zeit Geschlecht, Alter und Hautfarbe, wechseln von Deutsch zu Mundart. Beim Zuhören ihrer Konversation wird aber klar: Was ihnen ­eigen bleibt, ist ihre jeweilige Berufung wie Musik, Sport, Politik oder Psychologie. Mit den kinematografischen Skulpturen fragt das Künstlerduo nach Ursprung und Wesen von Identität, nach Wahrnehmungsformen und -gewohnheiten. Ist Wahrnehmung ein Resultat von Erziehung? Sehen wir das, was wir sehen wollen? Im Gespräch über die Wirkung ­ihrer Arbeiten nutzen Glaser/Kunz das Wort «Ent-Täuschung». Was löst die Entlarvung ­einer Illusion aus? Was folgt auf die «Ent-täuschung»? Die existenzielle Dimen­sion dieser Fragestellungen erhält in einem Kunstmuseum, in dessen Mauern früher schweigende Kartäusermönche lebten, noch einmal eine andere Tragweite.
Beim Gang durch die Museumsräume eröffnen auch weitere Arbeiten einen spielerischen Dialog mit dem Ort. Im ehemaligen Weinkeller sitzt eine Schar Rabenfiguren aus Lehm, umgeben von Kabeln und Geräten. Die technische Seite der Installa­tion ist bewusst offen gelegt. Der Boden selbst ist eine konzeptuelle Arbeit von Joseph ­Kosuth (*1945, Toledo): Das in den Sandstein gravierte Katalogverzeichnis der ehemaligen Klosterbibliothek verweist auf einen heute verlorenen Wissensschatz. Nähern wir uns den Raben, fliegen sie laut krächzend davon. In der Kunstgeschichte symbolisieren Raben Vergänglichkeit, hier sollen sie der «verstummten Bibliothek» eine Art Stimme geben. Wir hören ihre Flügelschläge, wie sie in den hohen Deckengewölben Bahnen ziehen. Am Boden konfrontieren uns die nun in ihrer skulpturalen Form erstarrten Raben mit der Flüchtigkeit unseres Zeiterlebens.

Bis: 06.08.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Glaser/Kunz [19.02.17-06.08.17]
Institutionen Kunstmuseum Thurgau [Warth/Schweiz]
Autor/in Isabelle Fehlmann
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170710180124MAQ-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.