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Besprechung
7/8.2017


Hans Rudolf Reust :  Mit einer Sammlungsausstellung beschliesst Dieter Schwarz sein langjähriges Direktorium des Kunstmuseums Winterthur. Im Fokus auf Zeichnungen, Malerei und Objekte aus den USA seit den Siebzigerjahren zeigt sich eine seltene Entschiedenheit und Konzentration, die das Haus seit 1990 geprägt hat.


Winterthur : Calder to Kelley - Grosser Auftritt zum Abschied


  
links: Robert Mangold · + Within + (Red-Yellow-Orange), 1981; John Chamberlain · Socket, 1975 und Creeley's Lookout, 1979, Gondola Jack Kerouac, 1982 ©ProLitteris
rechts: Jo Baer, Roni Horn, Rita McBride, Sylvia Plimack-Mangold, Ruth Vollmer u.a., Ausstellungsansicht ‹Von Calder zu Kelly› Kunstmuseum Winterthur, 2017 ©ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann


Gleich beim Eingang des Neubaus entspinnt sich der titelgebende ­Dialog zwischen einem filigran in den Raum ausgreifenden Mobile von Alexander ­Calder und dem an der Frontwand hart in eine parallele Biegung gespannten Bildobjekt ‹Black Curves›, 1996, von Ellsworth Kelly. Die zwei Namen im Titel bezeichnen freilich nur einen der vielen möglichen Spannungsbögen, die mehr als vier Jahrzehnte von Kunst aus den USA in dieser Sammlung eröffnen.
So begegnen sich in einem der Binnenräume zum ersten Mal Werke von Richard Tuttle und der eher unbekannten Ruth Vollmer, erweitert um eine Malerei von ­Agnes Martin. Tuttle vertritt paradigmatisch eine Haltung, die viele Arbeiten in dieser Sammlung verbindet: Radikale Vorentscheidungen dienen keiner strengen Programmatik, eher der freien, vielleicht sogar performativ flüchtigen, höchst eigenwilligen Setzung. Kunst ist Ausdifferenzierung. Die Dauer des Einstimmens und Nachdenkens, zuweilen begleitet von aufwändigen Arbeiten am Material, kann sich auch in raschen Bewegungen entladen. So wurden in ‹37th Wire Piece›, 1972, die zwei horizontal übereinander auf die Wand gezeichneten Linien, die ein krakelig gebogener Draht mit seiner klaren Linie und deren Schatten vertikal verbindet, von Tuttle in einem Tag vor Ort gesetzt. Dieses Werk wird im Museum nur so lange ausstellbar bleiben, wie der Künstler jeweils selbst anreist und es ausführt. Das Ereignis feinster Abweichung antwortet den mit handwerklicher Perfektion ausgeführten, zeitlos idealen, mathematischen Körpern und Strukturen von Ruth Vollmer, die «jenseits des Besonderen» gedacht sind.
Eine eigenständige Verbindung von idealer Geometrie und freier Zeichnung bestimmt auch die vielen strukturalen Malereien und Arbeiten auf Papier von Robert Mangold. Wie zwei entfernte Pole nehmen sich die getrennten Räume Matt Mullicans und Fred Sandbacks aus: hier Mullicans Überfülle an Ordnungsmustern und Narrativen, da Sandbacks feinste, an den Rand der Sichtbarkeit getriebene Gliederung und Auszeichnung von Räumlichkeit. Die grössere Gruppe mit Arbeiten Richard Artschwagers ist während Jahren aufgebaut worden und umfasst nun Zeichnungen, Malerei und Objekte aus allen Phasen seines Werks, vom Wandobjekt ‹Double Speaker I›, 1966, bis zu seinem vermutlich letzten Gemälde, in dem sich der Ausblick über ein Ziegeldach jenseits einer tiefblauen, ultimativen Trennlinie ins Weite eines abstrakten Feldes öffnet in ‹Untitled (Roofline)›, 2008. Neben den grösseren Werkgruppen finden sich einzelne Überraschungen, wie die Zeichnungen von Robert Grosvenor oder Pastelle von Lucas Samaras. Das hohe Niveau der Sammlung wurde in diesem Museum mittlerer Grösse nur möglich dank der Unabhängigkeit des Kunstvereins, dank privaten Gönnern und Mäzenen, die sich in Winterthur immer wieder fanden, vor allem aber auch dank den umsichtig gepflegten persönlichen Kontakten des ­Kurators zu den Künstlerinnen und Künstlern. Zur Arbeit mit und für die Kunstschaffenden gehört vielfach die Begleitung durch Publikationen. So ist zur aktuellen Ausstellung Band 5 des Sammlungskatalogs mit ausführlichen Kommentaren von Dieter Schwarz zu den einzelnen Werken erschienen.
Wie die Schwerpunkte der Sammlung sind auch die Beschränkungen entschieden: Schwarz selber spricht von stark «formaler Kunst». Offensichtlich ist denn auch, was in der Sammlung nicht auftritt. Pop und Postpop werden ausgeblendet, wie sich neben dem Bild ‹Untitled (The Hand)›, 1979, von Philip Guston oder der seltenen, fast verträumt an Gegenständliches anspielenden frühen Malerei von Eva Hesse überhaupt nur wenige figurative Arbeiten finden. Kunst ist für Dieter Schwarz wesentlich eine genuin westliche Praxis, die sich nicht sinnvoll in einem erweiterten globalen Kontext verstehen lässt. Kunst bleibt an analoge, manuelle Realisationen gebunden, was nicht zuletzt die elektronischen Medien ausschliesst, die «Kunst mit Stecker», wie Thomas Schütte es ausdrückt. Von ihm stammt schliesslich eines der jüngsten Geschenke ans Museum: ‹3 Türme›, 1983/2017. Erhöht, auf einem tempelartigen Fundament entrückt, erheben sich nebeneinander drei gelbe Wohntürme, die in der ­Reihe von Schüttes Häusermodellen auch an die Einheit von Arbeits- und Lebenskomplexen eines Künstlers erinnern. Die Orte, die Kunst sich wünscht, die sie schafft und die ihr zugewiesen werden, bleiben widersprüchlich.
Künstlerinnen und Künstler, mit denen Schwarz gemeinsam seine Reise unternommen hat, versammelten in der Kunsthalle Winterthur Arbeiten auf Papier, um sie als Originale und in Form einer Publikation dem Kunstmuseum zu schenken. Die eigene Präsentation von Schwarz zum Abschied vermittelt keinen abschliessenden Rückblick, eher einen Aufbruch zum Spiel mit dem Potenzial einer stark persönlich geprägten Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit. Diese Ausstellung, als aktiver Fundus für formale Findungen, erinnert mich an Friedrich Hölderlin, der seinen Briefroman ‹Hyperion› mit den Worten beschliesst: «Nächstens mehr.»

Bis: 13.08.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Calder to Kelly [21.05.17-13.08.17]
Ausstellungen Calder to Kelly [21.05.17-13.08.17]
Institutionen Museum Oskar Reinhart [Winterthur/Schweiz]
Institutionen Kunstmuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
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