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Besprechung
7/8.2017


Sabine Arlitt :  «Das Bauen in die Höhe ist nicht denkbar ohne die Tiefe, die der Boden hat», sagt Miriam Sturzenegger. Gleich Zeitreisenden ­tragen ihre objekthaften Volumen verschobenes Material in ­einer fiktiven Neuordnung als potenzielle Fundstücke in eine Zukunft, in der an ihnen keine lineare Zeit mehr ablesbar ist.


Zürich : Miriam Sturzenegger - Essay on Constructed Space


  
Miriam Sturzenegger · Essay on Constructed Space, Courtesy Galerie Bob Gysin


Hat sich ein Ruinenfeld in den Innenraum gedrängt? Oder führt eine Abfalllandschaft in den Aussenraum? Miriam Sturzenegger (*1983) hebt mit ambivalenten Mischformen den gebauten Raum aus den Angeln. Sie deckt auf, sie sammelt und transformiert. Das in den konstruierten Ausstellungsraum - ein in die bestehende Architektur eingebauter White Cube - transferierte Material artikuliert sich. Dabei ist die Beschaffenheit der ausgelegten und aufgestellten Fragmente und Objekte nicht sofort, wenn überhaupt, auszumachen. ‹Essay on Constructed Space› heisst die zentral platzierte Arbeit, die auch als Ausstellungstitel dient. Neutral weisse, ­zylindrische Formen in drei verschiedenen Höhen sind zusammen mit unterschiedlichen Fragmenten einstmals verbauter Bauelemente, die ihre eigene Geschichte in sich tragen, auf einem minimal gekennzeichneten Feld ausgelegt. Die Platzierung der ­Zylinderformen orientierte sich an einem unterlegten Raster, während die Fundstücke frei verteilt sind. Das leichte Rumoren im Ordnungsgefüge lenkt die Gedanken auf die Bodenfläche, auf die nicht sichtbare Tiefenausdehnung und Zusammensetzung des Bodens selbst, auf sein Gemacht-Sein als «manufactured ground». Die ­Zylinder, die anders als viele frühere Arbeiten Sturzeneggers nicht aus Gips, sondern aus dünnem Papier bestehen, sind in ihrer modellhaften, stark architekturbezogenen Setzung voller Assoziationspotenzial und mit einer virtuellen Spiegelungsfunktion ausgestattet: Man könnte an Baugerüste wie an Poller oder Bohrkerne denken.
Geologen wie Archäologen sehen sich herausgefordert von der zunehmend unentwirrbaren Vermischung natürlicher und kultureller Kräfte und sprechen von «Archäosphäre», wenn es um die Basis Boden unseres Lebensalltags geht. Während eines Aufenthalts in Paris hatte Sturzenegger unterschiedlichstes Baumaterial im öffentlichen Raum zusammengetragen, das Ganze zerkleinert und schliesslich ein neues Material, ihren eigenen Recyclingbeton, geschaffen. Acht geometrische Körper goss sie daraus, Formen mit Kanten und Rundungen, deren Materialquerschnitte sie in einem langwierigen Schleifprozess freigelegt hat. Schalungen aus hellgrauem Karton umhüllen ihre «Figures archéosphériques». Das Bauen hinterlässt als skulpturale Umformung unentwegt in der ordnenden und umordnenden Verlagerung von Material seine Spuren. Wenn Sturzenegger nur mehr mit Steinstaub hantiert, tangieren ihre essayistischen Abwägungen philosophische Dimensionen. Ein weiss in weiss gegossenes Wandprofil hilft dabei, Brücken zu schlagen.

Bis: 22.07.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Miriam Sturzenegger [08.04.17-22.07.17]
Institutionen Bob Gysin [Zürich/Schweiz]
Autor/in Sabine Arlitt
Künstler/in Miriam Sturzenegger
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