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Besprechung
7/8.2017


Dominique von Burg :  Weder Maskeraden noch männliche Stereotype sind die Leitplanken, an denen sich Dieter Meier bei seinem Spiel mit ­Lebenswegen ausrichtet. Vielmehr evoziert er mit wechselnden Attitüden und einem dazu passenden Mienenspiel diverse ­Charaktere. Das Mulitalent hat sich immer wieder neu erfunden.


Zürich : Dieter Meier - 30 Possible Beings


  
links: Dieter Meier · 30 Possible Beings, 2017, Inkjet-Prints auf Papier, 118x84 cm, Courtesy Museum Baviera
rechts: Dieter Meier · 30 Possible Beings, 2017, Inkjet-Prints auf Papier, 118x84 cm, Courtesy Museum Baviera


Jeder/Jede hat sich gewiss schon gefragt, wie das weitere Leben wohl verlaufen wäre, hätte man sich an einigen markanten Wegpunkten anders entschieden, gehandelt oder reagiert. Auch wenn es im Nachhinein müssig ist, darüber nachzudenken, so wäre die Möglichkeit, gewisse Optionen zu erproben, mit Sicherheit ungemein interessant und faszinierend. Genau dies tut Dieter Meier (*1945, Zürich), wenn er in frei erfundenen Rollen eine Reihe von Lebensentwürfen durchdekliniert: etwa als Sohn einer Arbeiterfamilie, der nach wechselvollem Schicksal 2016 Uniprofessor wird, als Möbelverkäufer, der sich zu einem aggressiven Sektenprediger wandelt oder als Flüchtling aus Ungarn, der nach Stationen als Heiratsschwindler und assoziierter Drogenhändler in Kuba ein erfolgreicher Werbefilmer wird.
Die frühen fiktiven Porträts entstanden 1973 für eine Ausstellung im Strauhof ­Zürich. Zusammengefasst wurden sie unter dem Titel ‹Personalities›. Diese bestechen - ohne besonders arrangiertes Setting - lediglich durch die Variationen des Gesichtsausdrucks, der Frisur, der Körperhaltung und der Kleidung. Mehr als vierzig Jahre später inszenierte Dieter Meier alle Charaktere noch einmal als gealterter Mann mit mehr oder weniger reicher Lebenserfahrung. Die dazugehörigen Biografien hängen jeweils unter den Fotografien. Die Kunstfiguren könnten zudem als ­Alter Egos von Dieter Meier gedeutet werden, durchlief er doch selbst eine Reihe von Berufen und Berufungen. So arbeitete er nach abgebrochenem Jurastudium in einer Bank, danach als Berufspokerspieler, wirkte als Performancekünstler und experimenteller Filmemacher und als Literat. Zudem führt er in Zürich und Berlin seine Gastrounternehmen und in Argentinien seine Firma ‹Ojo de Agua›.
Die Reihe zeigt, dass sich das Multitalent immer wieder neu erfunden hat; so als er Anfang der Siebzigerjahre durch mittlerweile legendäre Kunstaktionen auf sich aufmerksam machte; 1979 zusammen mit Boris Blank die immer noch erfolgreiche Musikgruppe YELLO gründete, die den beiden den Ruf als «Godfathers» des Electropop einbrachte. Für seine Songs erfindet Meier Figuren, die an Charaktere aus einem Film Noir erinnern. Während etwa Manon mit ihren Selbstinszenierungen die rollenspezifischen Maskeraden der Gesellschaft entlarvt, geben die von Meier bezeichneten «Verkörperungen» zu verstehen, dass in einem Menschen mehrere Personen stecken können, die abwechselnd in Erscheinung treten.

Bis: 12.08.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Dieter Meier [18.05.17-12.08.17]
Institutionen Galerie Museum Baviera [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Dieter Meier
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