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Besprechung
7/8.2017


Jana Bruggmann :  Maja Bajevic kratzt empfindlich an den Mythen «aufgeklärter Gesellschaften». Sie thematisiert ungleiche Macht- und Besitzverhältnisse oder Fragen von Selbst- und Fremdbestimmung in einem Zeitalter, das sich den Slogan «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» selbstbewusst auf die Fahne geschrieben hat.


Zürich : Maja Bajevic - Power, Governance, Labor


  
links: Maja Bajevic · Liberté pour les Libres, Égalité pour les Égaux, Fraternité pour les Frères (Based on actual events), 2017, Neon, 352x96x4 cm, Migros Museum für Gegenwartskunst. Foto: Lorenzo Pusterla
rechts: Maja Bajevic · How to Explain the World to the Martians (Chapter II: MK Ultra), 2017, Collage, 4 Teile, je 57x78 cm (links); How to Explain the World to the Martians (Chapter III: Women), 2017, Collage, 6 Teile, je: 78x57 cm (rechts); alle Werke ©ProLitteris, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich


Die Besuchenden werden von einem leuchtenden Neonschriftzug begrüsst: ‹Liberté pour les Libres, Égalité pour les Égaux, Fraternité pour les Frères›. Sofort wird klar, dies ist keine Wohlfühlveranstaltung. Maja Bajevic (*1967) blickt auf tiefgreifende Widersprüche in heutigen Gesellschaften und stellt unangenehme Fragen. Wie steht es um die Selbstbestimmung des Individuums, um die vielbeschworenen Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, um Demokratie und Menschenrechte? Dabei bezieht Bajevic heutige Problemfelder - inhaltlich wie medial - immer wieder auf den Beginn der industriellen Revolution. Die Morsetelegrafie, welche im 19. Jahrhundert die Kommunikation revolutionierte, findet Eingang in ‹Hide and Seek›, 2017. Hier sollen Hacker geheime Informationen in die Ausstellung morsen. Die Dampfmaschine und der mechanische Webstuhl, die gemeinhin mit dem Beginn der industriellen Revolution gleichgesetzt werden, begegnen uns zum einen in Form einer umfunktionierten Waschmaschine, die einen Schleier aus Dampf produziert, auf den politische Slogans wie ‹To Be Continued - Steam Machine›, 2011, projiziert werden. Zum anderen in einer Textilfabrik, in der Arbeiter/innen Lieder über die Preisschwankungen von Rohstoffen im Takt der Webstühle singen: ‹Arts, Crafts and Facts›, 2015. So zeigt die Ausstellung ‹Power, Governance, Labor›, dass die mit der industriellen Revolution einhergehende Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, der Arbeitsbedingungen und Lebensumstände noch nicht zum Ende gekommen ist. Vielmehr befinden wir uns mittendrin und - so wird vermittelt - in einer prekären Schieflage.
Diese Diagnose scheinen auch die Marsianer zu bestätigen. Die Werkgruppe ‹How to Explain the World to the Martians›, 2017, blickt aus extraterrestrischer Perspektive auf die Zeit des Kalten Kriegs und stellt Geschlechterverhältnisse, den Umgang mit atomaren Waffen und die moralische Integrität moderner Wissenschaften in den USA auf den Prüfstand - allesamt kommen dabei nicht gut weg. Noam Chomsky ging mit diesem Gedankenexperiment noch einen Schritt weiter: Der Blick Ausserirdischer auf die menschliche Spezies würde zuvorderst deren Weg in den selbstverschuldeten Untergang bezeugen. Übertriebener Pessimismus? Jedenfalls scheint es seit der Erfindung der Dampfmaschine unter der Oberfläche zu brodeln - auch gegenwärtig kocht vieles wieder auf. Somit kommt eine umfassende Ausstellung von Bajevics Werk in der Schweiz gerade zum richtigen Zeitpunkt.

Bis: 13.08.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Maja Bajevic [20.05.17-13.08.17]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Jana Bruggmann
Künstler/in Maja Bajevic
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