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Besprechung
7/8.2017


Feli Schindler :  Flowerpower, Minirock, freie Liebe und die Stones traten einst von den USA und England herkommend einen globalen Siegeszug an. Wie die jungen Kunstschaffenden hierzulande den Aufstand probten und was daran schweizerisch ist, zeigt eine tolle Schau aus den Sechzigern im Aargauer Kunsthaus.


Aarau : Swiss Pop Art - Nicht nur für Althippies und Retrofreaks


  
Markus Müller · Lahco, 1970, Öl auf Leinwand, Aargauer Kunsthaus Aarau. ©ProLitteris. Foto: Brigitt Lattmann


Selten wurde so flächendeckend geworben wie für die Ausstellung ‹Swiss Pop Art› im Aargauer Kunsthaus. Das ist witzig, wenn man auf den Plakaten Markus Müllers gestreifte, an delikater Stelle gebeulte Badeshorts ‹Lahco› entdeckt. Und es ist legitim, da sich Pop Art schon immer aus Werbung generierte. Gemalt wurde konsumbegeistert und frei von akademischem Bierernst, sei's ab Poster, Puddingbeutel oder Fotografie. Werbung bedeutete Inspiration schlechthin. Um dies zu verdeutlichen, fährt Kunsthausdirektorin Madeleine Schuppli gleich zu Beginn mit einer imposanten Plakatwand auf. Und man könnte fast ins Schwärmen geraten ob all der Incorrectness, als ein bestrumpftes Damenbein noch sexy zur Tube rausquellen oder das gute alte Pepita ohne Zahnprophylaxe Kinderkehlen erfrischen durfte. Keck und unbekümmert kommen die im Kunsthaus präsentierten 270 Arbeiten von 51 Schweizer Künstlerinnen und Künstlern aus den Jahren 1962-1972 daher.
Pop Art ist keine Schule. Sie ist Lebensgefühl. Eine witzige Dia-Schau erinnert etwa daran, dass Markus Raetz bei Harald Szeemann in der Kunsthalle Bern seiner Frau Monika für ihre Modeentwürfe Modell stand. Mit der Wandarbeit ‹Goppenstein› und den wie bunte Guetsli am Zugfenster vorbeiziehenden Wölkchen drückte der Berner luftig leicht die Reisesehnsucht der 68er aus. Mobilität war alles: Der Fetisch Auto versprach nicht nur dem Tessiner Renzo Ferrari - nomen est omen - grenzenlose Freiheit, sondern blieb beim Wahlfranzosen Peter Stämpfli Dauerthema. Ikonen der Zeit wie Brigitte Bardot (Rainer Alfred Auer) oder der Protest gegen Vietnam (Rosina Kuhn) weisen über die helvetischen Grenzen hinaus. Spezifisch schweizerisch geben sich die Kunstschaffenden dort, wo es um Klischees geht: Peppig kolorierte Fotografien von Sennen und Säuli (Barbara Davatz) oder des Schweizers liebster Streichkäse im Grossformat (Samuel Buri) zeugen von ironischer Distanz zur Heimat. Weitsichtig nimmt Max Matter, Mitbegründer der legendären Aarauer Ateliergemeinschaft Ziegelrain, auf Kelco und mit Spray die Zersiedelung der Hüslischweiz vorweg. Eine vom Künstlerduo Lang/Baumann gestaltete Lounge im Sixty Style und ein hervorragend gemachter Katalog ergänzen die Schau. Grosse Begeisterung nicht nur bei Weisch-na-68ern und Retrofreaks.

Bis: 01.10.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Swiss Pop Art [07.05.17-05.11.17]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
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