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7/8.2017




Lugano : Alighiero Boetti, Salvo


von: Barbara Fässler

  
links: Alighiero Boetti e Salvo · Vernazza, 1969 ©ProLitteris. Foto: Anne Marie Sauzeau
rechts: Salvo · Autoritratto come Raffaello, 1970, Foto auf Alu, 65x49 cm, Sammlung Paul Maenz, Berlin. Foto: Archivio Salvo


Eine selbstvergrösserte Schwarzweissaufnahme von 1969 in Vernazza trifft genau des Pudels Kern: Zwei junge Männer in den Zwanzigern sitzen sich mit nacktem Oberkörper gegenüber und amüsieren sich mit Armdrücken. Noch scheinen die umklammernden Hände senkrecht über dem Tisch zu zittern, noch lächeln die beiden Widersacher mit angespanntem Bizeps und in freudiger Erwartungshaltung. Noch ist der Ausgang des Kräftemessens nicht entschieden, ist unklar, ob das freundschaftliche Spiel in einen ernsthaften Konkurrenzkampf mündet. Bei den beiden handelt es sich um Salvo (Salvatore Mangione 1947-2015) und Alighiero Boetti (1940-1994). Sie teilen ihr Atelier von 1969 bis 1972 im Corso Principe Oddone 88, im von Studenten- und Arbeiterunruhen gegeisselten Turin, der politisch wie kulturell gärenden Stadt der Arte Povera. Die von der Kuratorin Bettina della Casa kunsthistorisch akkurat aufgearbeitete Schau rollt die Jahre der Kohabitation und des folgenden Auseinanderdriftens der beiden Künstlerfreunde auf und stellt die Frage nach der gegenseitigen Beeinflussung und der Differenzen. Beide Künstler haben sich mit der Identitätsfrage und der Autorschaft beschäftigt. Alighiero Boetti hat sein Ich verdoppelt zu Alighiero & Boetti und hat sich einen imaginären Zwilling zur Seite gestellt. In späteren Jahren hat er die Ausführung seiner Arbeiten ganz an Unbekannte delegiert und sich komplett zurückgenommen. Salvo hingegen zelebrierte und ironisierte die Mystifizierung seiner Künstlerpersönlichkeit bis zum Exzess: Auf eine Marmortafel meisselte er: «Ich bin der Beste» und in Zeitungsfotomontagen ersetzte er sein Gesicht mit dem von Berühmtheiten. Von Salvatore - Retter - wandelte er sich zum Propheten: 1970 segnete er die Stadt Luzern. Auch wenn sich die geografischen Karten der beiden Künstler mit den bunten Buchstaben ähneln, so unterscheidet sich doch ihre Kommunikationsmethode. Während die Botschaften des kultivierten Autodidakten Salvo unmittelbar lesbar sind, lässt und Boetti zunächst rätseln, wie die Arbeiten zu entziffern sind. Nach dem Wegzug von Boetti 1972 avanciert Salvo zum Vollzeitmaler und zum Vorreiter der postmodernen Transavantgarde. Alighiero & Boettis Werke wurden derweil konzeptueller und kryptischer. Welchen Ausgang das Armdrücken genommen hat, wollen wir nicht verraten.

Bis: 27.08.2017


Katalog, Ed. Casagrande



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Boetti-Salvo [09.04.17-27.08.17]
Ausstellungen Torino 1966-1973 [09.04.17-30.06.17]
Institutionen MASI/LAC Lugano Arte e Cultura [Lugano/Schweiz]
Institutionen -1, LO SPAZIO [Lugano/Schweiz]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Boetti-Salvo
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