Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
7/8.2017




Mulhouse : A World not ours


von: Yvonne Ziegler

  
links: Aslan Gaisumov · Volga, 2015, Full HD-Video, ohne Ton, 4'11'', Chechnya, Videostill
rechts: Sven't Jolle · Sans papiers, 2005, pigmentierter Gips, Courtesy Galerie Laurent Godin, Paris. Foto: Hugard & Vanoverschelde Photography


Kunst kennt keine Grenzen. Wenn Menschen wegen fehlender Lebensgrundlagen, Klimawandel, Krieg oder Verfolgung gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, nehmen sie Gewohnheiten, Erinnerungen und kulturelle Vorlieben mit. Die Künstler/innen unter ihnen vermögen es, in der Fremde Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft zu verbinden, wie die sehenswerte Ausstellung ‹A World not ours› in der Kunsthalle Mulhouse zeigt. Eine Gruppe mannshoher Tonfiguren, die an archaische Ritualobjekte erinnern, ziehen gleich eingangs den Blick auf sich. Stumm, unübersehbar und fremdartig deuten die ‹Sans papiers› des belgischen Künstlers Sven't Jolle auf die heutige Flüchtlingssituation und die frühere koloniale Ausbeutung hin. Raub und Einreise sind gleichermassen illegal. Die Syrerin Somar Sallam zeigt das Video einer wollenen Decke, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter immer wieder auftrennt, sobald sie fertiggehäkelt ist. Schwarz und Weiss stehen für Tag und Nacht, Rot symbolisiert mögliches Dazwischen: Sonnenauf- und -untergang, Leben, Liebe, Blut und Gewalt. Die immer wieder neu sich auflösende schützende Decke widerspiegelt die Fragilität der Lebenssituation von Geflüchteten. Wo und wann werden sie sich wieder geborgen und zu Hause fühlen? Andere Künstler setzen sich mit den teils absurden Gesetzen und Asylverfahren auseinander: Stine Marie Jacobsen lässt Geflüchtete zusammen mit einer Juristin den tatsächlichen Lebensumständen angemessene Asylgesetze niederschreiben. Ein Video von Éléonore de Montesquiou zeigt unter anderem, wie ein von einem Verein eingeladener afrikanischer Fussballspieler mit korrekten Papieren an der estnischen Grenze festgenommen wird und um sein Recht kämpft. Die Weissrussin Marina Naprushkina leitet seit 2007 ein Antipropagandabüro und hat vor kurzem in Berlin das Projekt ‹Neue Nachbarschaft› gegründet. In ihrer Arbeit ‹Refugees' Library›, 2013-2017, kann man anhand von «Akten» mit Zeichnungen und knappen Formulierungen die konkrete Situation von Asylanten vor den entscheidungsbefugten Amtspersonen einsehen. Es sind berührende Geschichten in unterschiedlichen Sprachen. Und schliesslich zaubert das absurd wirkende Video eines alten, in der Pampa stehenden Autos, in das nach und nach 21 Personen einsteigen, um glücklich Tschetschenien zu verlassen, ein Schmunzeln ins Gesicht. Die Ausstellung offenbart die Blickweisen der Geflüchteten selbst, reflektiert und konstruktiv.

Bis: 27.08.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen A World Not Ours [01.06.17-27.08.17]
Institutionen La Kunsthalle [Mulhouse/Frankreich]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Katerina Gregos
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170711092811FA7-36
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.