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7/8.2017




Zürich : Michael Riedel


von: Fritz Balthaus

  
Michael Riedel · CV, 2017, Installationsansicht Kunsthalle Zürich. Foto: Annik Wetter


«Ich bin der Text zur Ausstellung. Mein Name ist Arial. Ich informiere Besucher der Ausstellung Michael Riedel - CV in der Kunsthalle Zürich über die ausgestellten Werke. Satz - Wort - Buchstabe, das bin ich. Ich beschreibe.»
Dieser Anfangstext aus dem Katalog zur Ausstellung Michael Riedels klingt ein wenig wie die Anfang der Genesis. Richtig ist, dass das «Buch der Bücher» ebenfalls eine Welt erschaffen hat, genauso wie ein Curriculum Vitae Künstler/innen erschaffen kann. Einen praktischen und interpretativen Zugang bietet sowohl der «selbstredende» Text als auch der 1:1 nachgebaute Kunsthalleneingang. Er wurde samt Abstellraum und Türe variantenreich nachgebaut - tapeziert, verdreht, gespiegelt, auf links gezogen - oder als offene Kulisse entlarvt. Wie unterschiedliche Befehle eines Architekturprogramms rhythmisieren die Stellwände die Projekte in der Kunsthalle. Ganz nebenbei wird damit auch die konventionelle Unterscheidung von Ausstellungsform und Ausstellungsinhalt, Künstler und Kurator ausdifferenziert und ein wenig ins Schwimmen gebracht.
Unter zahlreichen anderen Projekten wurde ein historisches Gruppenfoto aus den Räumen der Warhol-Factory von 1969 dreidimensional in die Räume der Kunsthalle Zürich gebaut. Fotodetails wie ein Fenster in der Wand und ein Kabelschacht in der Raumecke wurden nachgebaut. Auch der bekannte Streifenpullover Warhols liegt auf dem Display aus Spiegeltisch und Publikationen. Der historische Aufnahmestandort des Fotografen Cecil Beaten wird in der Ausstellung von einer Kamera auf Stativ eingenommen. Sie nimmt die Besucher/innen beim Lesen der ausliegenden Publikation auf und erzeugt neues Footage für spätere Weiterverarbeitung.
So ist das Zurückfüttern von Kunstroutinen in das Kunstsystem selbst ein Grundmuster der Arbeiten Riedels. Mit dieser rekursiven Methode operiert der Künstler von einem maximal entkernten Künstlerselbstverständnis aus und gibt den Umgebungen seines Tuns jede erdenkliche Chance zur Ausbreitung. Warhols Aufzeichnungsobsession nicht unähnlich, werden uferlose Sätze und Unterhaltungen aus dem «Making of» der Riedel'schen Werke gnadenlos aufgenommen, aufgezeichnet, in alle möglichen Ausstellungsmedien transformiert und transkribiert. In diesem endlosen Exzess verschleudern sie ihre Inhaltlichkeit und ihren Informationswert. In endlosen Operationen werden Buchstaben, Texte und Bilder im Verlauf der Ausstellung von maschinellen Präsentations- und Spracherkennungsprogrammen verzerrt, gedehnt und entleert. Mit den Plots tapezierte Riedel die Wände beider Ausstellungsräume. Mit den digital verzerrten Spracheingaben von Besucher/innen beschallt Riedel ein Stockwerk höher den Ausstellungsraum und erhält dabei ein hochkalkuliertes Echo aus dem Raum von Systemtheorie und Kunstgeschichte. So zieht sich der Künstler im «performativen Selbstwiderspruch» aus dem Sumpf und ruft erkenntnisfroh: Die Kunst ist nackt!

Bis: 13.08.2017



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Ausgabe 7/8  2017
Ausstellungen Michael Riedel [20.05.17-13.08.17]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Fritz Balthaus
Künstler/in Michael Riedel
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