Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2017


Stefanie Manthey :  Die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Teil der Vita des Künstlers Otto Freundlich. Zentrale Referenz seines Œuvres ist die von ihm entwickelte Utopie eines «Kosmischen Kommunismus». Ihr ist die vom Museum Ludwig initiierte Ausstellung mit sanfter Entschiedenheit gewidmet.


Basel : Otto Freundlich - Haltungselixier


  
Otto Freundlich · Kosmisches Auge, 1921/22, Pastell auf Karton, 81x65 cm. Foto: Applicat-Prazan, Paris


Otto Freundlich (1878-1943) bezog 1914 ein Atelier im Nordturm der Kathedrale von Chartres, studierte mittelalterliche Glasfenster, beteiligte sich an Restaurierungsarbeiten und begeisterte sich für alte Stickerei. Über das Arbeiten in München, Berlin, Köln und vor allem Paris kannte er alle damals zentralen Kulturschaffenden: Künstler, Handwerker, Literaten, Fotografen, Galeristen, Kuratoren - und alle kannten ihn. Zeit seines Lebens stand sein entgrenzendes Schaffen in spannungsgeladener Konfrontation mit existenzbedrohenden Realitäten. Ein kleiner Kreis an Menschen unterstützte ihn. Dazu zählten in der Schweiz vor allem Hedwig Muschg, die Halbschwester von Adolf Muschg, Georg Schmidt und Marguerite Arp-Hagenbach. Die Grundspannung verschärfte sich in den Dreissigerjahren. 1935 verfasste er die ‹Bekenntnisse eines revolutionären Malers›. Sie sind programmatisch als erster Beitrag im Katalog zu der von Julia Friedrich konzipierten Ausstellung abgedruckt. Er lässt nachvollziehbar werden, wie sich Freundlich vom Gegenständlichen löst und die Anordnung farbiger Flächen mit der Idee eines revolutionären Kollektivismus verschränkt: dem «kosmischen Kommunismus». Im Sommer 1937 begann die Beschlagnahmung seiner Werke aus öffentlichen Sammlungen. 1938 setzten die Nazis seine Gipsplastik ‹Grosser Kopf› unter dem Titel ‹Der neue Mensch› auf das Cover des Ausstellungsführers ‹Entartete Kunst›. Im gleichen Jahr lancierte ein Aktionskomitee erfolgreich einen Aufruf, eines seiner Werke für die Sammlung des Jeu de Paume anzukaufen: ‹Hommage aux peuples de couleur›, 1935. Freundlich setzte seine Arbeit fort, bat Freunde, ihm Flachpinsel, Rundpinsel und Farben zu besorgen: Krapplack, Rosa, Zitronengelb, Kobaltblau, Umbra. Es entstehen Entwürfe für Glasfenster. 1943 wurde Freundlich nach Sobibor deportiert und ermordet. Die nun auf das Untergeschoss im Neubau des Kunstmuseums ausgerichtete Ausstellung ist in ihrer Dichte mit der Atmosphäre in Freundlichs letztem Pariser Atelier vergleichbar. Sie fügt sich in ihren Tiefenschichten präzis in das Gesamtprogramm von Josef Helfenstein ein und erhält in der Sammlung einen Resonanzraum.
Wie sensibel Freundlichs Position eingebettet wird, zeigt sich in der Neuhängung der Sammlung im zweiten Obergeschoss. Dort wird eine Seidenbroderie von Adya van Rees präsentiert, die erstmals 1915 in der Galerie Tanner in Zürich gemeinsam mit Arbeiten von Freundlich, Arp und Otto van Rees ausgestellt wurde.

Bis: 10.09.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2017
Autor/in Stefanie Manthey
Künstler/in Otto Freundlich
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170819142546WCO-9
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.