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Fokus
10.2017


 Thematisiert man heute Natur, denkt man nicht nur an Idyllen, sondern auch an Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung oder Artensterben. Die Gegenüberstellung von Robert Zünds Landschaftsmalerei und Tobias Madörins Fotografie bietet daher mehr als neue Einblicke in deren Schaffen. Sie regt zur Refle­xion unseres Naturverständnisses an.


Robert Zünd und Tobias Madörin - Bellevue?


von: Jana Bruggmann

  
links: Robert Zünd (1827-1909), Tobias Madörin (*1965), Bellevue, Ausstellungsansicht mit Robert Zünd, Eichwald, 1859, und Tobias Madörin, Pragel, 2007, Kunstmuseum Luzern, 2017. Foto: Marc Latze
rechts: Tobias Madörin · Pragel, 2017, C-Print, 6-teilig, je 176x220 cm. Foto: Marc Latzel


Der Maler Robert Zünd (1827-1909) ist für seine geradezu detailversessenen Landschaftsansichten bekannt. Minutiös, ja mit mikroskopischer Genauigkeit hielt er seine Umgebung fest. In seinen Gemälden scheint jedes Laubblatt zum Greifen nah, was ihm den Ruf als «Meister des Buchenblatts» verschaffte. Zünd war Teil einer jungen Generation von Luzerner Landschaftsmalern und avancierte zu einem der bedeutendsten Schweizer Künstler seiner Zeit. 1906 mit dem Ehrendoktorat der Universität Zürich ausgezeichnet, gehörte er zur anerkannten Elite der damaligen Kunstszene. Doch nicht bei allen stiess seine Hingabe zum Detail auf Anklang. So verglich sein Zeitgenosse Arnold Böcklin die Werke mit der aufkommenden Fotografie und beklagte, man sehe den Wald vor lauter Blättern nicht mehr. Tatsächlich näherte sich Zünd zunehmend einem fotografischen Realismus an: Sein Gemälde ‹Eichenwald› wurde in der Schwarz-Weiss-Reproduktion gar für eine Fotografie gehalten.
Nach der Zünd-Retrospektive von 2004 zeigt das Kunstmuseum Luzern zurzeit eine Gegenüberstellung von Malerei und Fotografie. Der Fotograf Tobias Madörin (*1965, Basel) hat sich nun während zwei Jahren mit der Grossbildkamera auf die Spuren Zünds begeben. Seine Fotografien wurden vorgängig schon öfter mit den gros­sen Landschaftsgemälden des 19. Jahrhunderts verglichen. Ihnen sei die raffinierte Komposition gemein, die ebenso sehr Übersicht wie Tiefe produziere (Nadine Olonetzky). In der Tat stehen Madörins Fotografien in Sachen Detailreichtum und Intensität Zünds Malereien in nichts nach. Die Schau verfolgt allerdings kein striktes 1:1. Madörin hat zwar die Orte aufgesucht, an denen Zünd malte, und sich von diesen inspirieren lassen. Doch er präsentiert eigene Perspektiven auf die Umgebung Luzerns. Die markanteste Abweichung besteht aber wohl im unterschiedlichen Blick der beiden Künstler auf ihre Umgebung. Madörin ist nicht auf der Suche nach verklärtem ländlichem Leben. Er schaut im Gegenteil dorthin, wo Landschaften auf- und umgebrochen werden. «Der Blick, das Schauen» sei denn auch das eigentliche Thema der Gegenüberstellung von Zünd und Madörin, unterstreicht die Kuratorin Fanni Fetzer. Es geht um das Wahrnehmen, Erleben und Darstellen von Natur.

Zünds «reale Ideallandschaften»
Obwohl Zünds Bilder in vielerlei Hinsicht als historische Quelle Auskunft über die Zentralschweiz des 19. Jahrhunderts geben, können sie dennoch nicht als neutrale Spiegel der Realität angesehen werden. Zünd war zwar der Pleinair-Malerei verpflichtet. Er erkundete seine Umgebung zu Fuss und hielt seine Skizzen im Freien fest. Bei der Ausführung im Atelier entwickelte er die Motive jedoch weiter und glich das eine oder andere Detail seinen Vorstellungen an. Der Schriftsteller Gottfried Keller, der Zünd 1881 auf seinem ‹Bescheidenen Kunstreischen› im Atelier besuchte, entdeckte in seinem Werk die Verschmelzung von künstlerischer Vorstellungskraft und vorgefundener Realität: die «reale Ideallandschaft». Doch nicht nur seinen eigenen Vorstellungen, auch den Wünschen seiner Auftraggeber kam Zünd entgegen. Am deutlichsten zeigt sich der Konstruktionscharakter des Zünd'schen Idylls aber darin, dass die Industrialisierung in seinen Werken keinen Platz findet. Dabei war Luzern in rasantem Wachstum begriffen. Die Bevölkerung stieg zwischen 1850 und 1888 von rund 10'000 auf 20'000 Einwohner. Eisenbahnstrecken - der erste Luzerner Bahnhof entstand 1856 - oder moderne Industrieanlagen sucht man in Zünds Gemälden jedoch vergeblich. Obwohl die künstlerische Moderne mit dem Realismus ihren Anfang nahm, scheint Zünds Blick rückwärtsgewandt. Die Natur wirkt in seinen Gemälden zeitlos, geradezu «geweiht» und der Mensch harmonisch darin aufgehoben.

Madörins «Zeitdokumente»
«Gewisse Orte sehen noch aus wie damals. Die könnte man heute fast genau gleich fotografieren, wie Zünd sie gemalt hat - abgesehen von den kompositorischen Anpassungen, die Zünd selbst vorgenommen hat», meint Madörin augenzwinkernd. Das ist jedoch nicht sein primäres Anliegen. Als Kosmopolit hat er schon den halben Globus bereist, dabei allerdings keine in sich ruhende Welt, sondern eine sich rasant verändernde globale Umwelt fotografiert. Es sind ernüchternde Aufnahmen vom unaufhörlichen Umbau der Welt. Es verwundert daher nicht, dass Madörin mit dem Ausstellungstitel ‹Bellevue› erst zu kämpfen hatte: «Bellevue, das ist Zünd. Ich denke hingegen an die Welt von heute, an die Kriege und die Flüchtlinge. Mit Bellevue hat das wenig zu tun.» Obwohl die Luzerner Fotografien keine solch markanten Umwälzungen dokumentieren wie andere seiner Werke, sucht er dennoch nicht nach dem Postkartenidyll. Die Eingriffe des Menschen bleiben fester Bestandteil des Werks - Madörin will Zeitdokumente schaffen. Deutlich wird dies bspw. beim Blick vom Stollberg. Die Sicht zwischen den Mehrfamilienhäusern hindurch Richtung Luzern zeigt nicht länger den Lauf der Reuss, sondern Auto- und Eisenbahnbrücken, Gewerbebauten und den Steinbruch unterhalb des Gütsch. «Eigentlich ist das kein Sujet mehr für ein Bild», konstatiert Fanni Fetzer. Für Madörin allerdings schon. Auch den Wald stellt er nicht unberührt dar. Der Waldboden ist bis zum Horizont mit Holzschnipseln gefüllt. Offenbar sind erst kürzlich Bäume gefällt worden. Madörin hat sich nicht im Blätterwerk verloren. Doch das mehrteilige, technisch anspruchsvolle Bild brachte ihn an seine Grenzen: «Als ich fertig war, habe ich in den Wald geschrien. Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch - das ist immer so, am Ende eines Projekts.»
Jana Bruggmann ist in der Kulturvermittlung und wissenschaftlichen Forschung tätig, arbeitet in Zürich, Luzern und Berlin und befasst sich derzeit mit Fragen visueller Welterzeugung. bruggman@artlog.net

Bis: 15.10.2017


Publikation, Verlag Scheidegger & Spiess, 2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Tobias Madörin, Robert Zünd [08.07.17-15.10.17]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Jana Bruggmann
Künstler/in Robert Zünd
Künstler/in Tobias Madörin
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