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Fokus
10.2017


 Nicht dass Roland Roos' Arbeiten nicht bildmächtig wären! Doch eigentlich entfalten seine eher unkonventionellen künstlerischen Unternehmungen ihr Potenzial in der konkreten Realisierung und der Teilnahme der darin Involvierten. Daher erscheint auch die Erzählung, die sprachliche Schilderung von Idee und Umsetzung, Umständen und Zusammenhängen ein probates Mittel, um sich den Projekten von Roos anzunähern. Vielleicht gerade weil diese oft eine Art visuellen Entzug praktizieren.


Roland Roos - Über Wege, Zonen der Kooperation auszustellen


von: Irene Müller

  
links: AAA, Wasserfabrik, 2015, Werbeplakat, Kiör Zürich. Roos entwickelte eine kleine, aus einer lokalen Quelle gespeiste Abfüllanlage für Trinkwasser. Seit April 2016 betreibt Urs Grüter unter dem Label ‹Lokales Wasser 37› Produktion und Verkauf des aufbereiteten Tafelwassers in Zürich. Bild: Elias Gmünder
rechts: Innenpolsterei, Firma Pirin-Tex, Goze Deltschew, Bulgarien, 2017. Hier nähen Arbeiterinnen Futter und Innentaschen in Sakkos von bekannten internationalen Modelabels ein. Foto: Roland Roos


Roland Roos entwickelt seine Projekte immer anhand der spezifischen Gegebenheiten, die ihm der zeitgenössische Kunstbetrieb mit Ausstellungen, Auszeichnungen und Wettbewerben eröffnet. Diese Anlässe provozieren dann jeweils konkrete Vorhaben, die nicht nur die Mechanismen des eigenen Systems kritisch beleuchten, sondern darin auch die Freiräume ausloten, die ein aktives Handeln an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft ermöglichen. Geprägt ist diese Vorgehensweise von einer «forschenden Naivität», die den Blick von aussen auf Arbeitswelten, ökonomische Zusammenhänge und systemische Kreisläufe bewusst aufrechterhält und gerade dadurch präzise und tatsächlich erlebbare ‹Fallstudien› hervorbringt.

Pristina Calling!
Wer sind eigentlich die Menschen, die Telefonbefragungen durchführen oder Hotlines beantworten? Wie sehen ihre Arbeitsplätze aus, die Aussicht aus ihrem Büro? Wir begegnen ihnen nur als körperlose Stimmen, ohne Hinweis auf ihren effektiven Standort - und doch müssen sie irgendwo physisch anwesend sein, falls wir es nicht mit einem Chatbot zu tun haben. Für ‹0800 226 113› haben Roland Roos, Luc Scherer und Malte Beutler im Pavillon Le Corbusier die temporäre Zweigstelle eines Callcenters eingerichtet: normierte Kojen mit entsprechender Ausstattung, verglaste Trennwände und Akustikdecken. An bester Lage mit Seeblick gehen Angestellte der Firma Baruti im 8-Tage-Schichtbetrieb ihrer gewohnten Tätigkeit nach, wie sie es auch in Pristina machen würden. Doch das Projekt überführt nicht nur ein Berufsfeld, das sich der Allgemeinheit rein akustisch vermittelt, in eine sichtbare Situation. Es schliesst auch zeitliche Momente miteinander kurz, nämlich die Neunzigerjahre, als sich die Mitarbeiter/innen als Flüchtlinge in der Schweiz aufhielten, und die unmittelbare Gegenwart, in der sie in Zürich ihrer Arbeit nachgehen. Dieser Blick auf Fragen der Mechanisierung und Ökonomisierung des (Arbeits-)Alltags wird durch den räumlichen Kontext noch intensiviert, bietet doch der Pavillon einen spezifischen ästhetischen Rahmen, der dem Credo seines Erbauers, Wohnen und Leben in maschinellen Kategorien zu denken, verpflichtet ist. Insofern erfährt der Ausstellungsraum selbst eine Re-Lektüre, denn zugespitzt könnte man behaupten, dass hier auch das System Le Corbusier, eine normativ angelegte, modernistische Architekturphilosophie, zur Schau gestellt wird.

Am anderen Ende der Leitung

Dass die letztjährige Manifesta in Zürich Roland Roos zu einer Guerilla-Aktion provoziert hat, darf vor dem Hintergrund des bisher Gesagten nicht überraschen. Zusammen mit Melanie Keim und dem Designduo Carina Fischer und Lukas Baumgartner registrierte Roos eine kostenpflichtige 0900er-Nummer, die von ihm und seinen Mitstreiter/innen bedient wurde. Obwohl für die Flyer das Manifesta-Design nachgebaut und so der Anschein einer offiziellen Dienstleistung erweckt wurde, bestand in Realität jedoch keinerlei Kooperation zwischen Hotline und Manifesta. Vielmehr wurde das Projekt seitens der Organisation abgelehnt, bescherte doch jeder Anruf dem Projektteam nicht nur einen finanziellen Ertrag, sondern auch Einblicke in Informationslücken und Irrungen der Signaletik sowie einen direkten Austausch mit den Besuchenden dieses Kunst-Events.
Trittbrettfahren und Andocken sind für Roos nicht nur Strategien, Aufmerksamkeitsökonomien und Erwartungen des Kunstbetriebs zu hinterfragen bzw. diese regelrecht zu unterwandern; solche Verfahren erlauben es ihm auch, «die Passivität des Künstlerdaseins zu durchbrechen», ohne ausschliesslich selbstbeauftragt tätig zu werden, wie dies in früheren Arbeiten öfter der Fall war. Dazu gehört jedoch auch, Projekte in ein Eigenleben zu entlassen, es in andere, kunstfremde Verantwortung zu übergeben. Diesen Weg schlug Roos 2015 anlässlich seiner Beteiligung an dem KiöR-Projekt ‹AAA› ein, wofür er in einer Garage in Altstetten eine kleine, aus der lokalen Albisriederquelle gespeiste Trinkwasserfabrik einrichtete. Das Zusammentreffen mit Urs Grüter, der für eine Liegenschaft am Rennweg 37 ein Jahrhunderte zurückreichendes privates Wasserrecht besitzt, gab den konkreten Anstoss, den Marketing-Slogan «buy local» aufzugreifen und wortwörtlich umzusetzen. Während der Kunstkontext es Roos ermöglichte, die Fabrik ohne langwierige Bewilligungsverfahren als künstlerische Arbeit zu lancieren, stand dann nach Projektende ein Partner bereit, der die Gewinnung und Aufbereitung von Tafelwasser in einen unternehmerischen Rahmen überführte und seit April 2016 am Rennweg 37 in Zürich verkauft.

Visuelle Widerständigkeit
Eines der Charakteristika der Arbeitsweise von Roos ist es, Gedanklich-Abstraktes einer Konkretion zuzuführen, um damit verknüpfte bildliche Vorstellungen aufzuweichen. Damit einhergehenden Fragen, welche Bilder heutige Informations­medien liefern und inwieweit diese «reale Erfahrungen» vermitteln können, begegnet der Künstler mit Projekten, die keine formalisierten Gegenbilder liefern, sondern eine temporäre, kontextspezifische Sichtbarkeit erzeugen.
Für die Schau im Kunstmuseum Olten knüpft Roland Roos an sein Interesse an der Verschiebung von Wirtschaftsstandorten und den Auswirkungen der Arbeitsmigra­tion an, und zwar anhand der Textilindustrie in Bulgarien. Eine Kette von Ereignissen und Entwicklungen entrollt sich: Die in Wangen an der Aare ansässige Firma Mode Frey musste in den Neunzigerjahren ihren Betrieb einstellen, da die Textilfabrikation nach Osteuropa abgewandert war. Nach heftiger Kritik an den Arbeitsbedingungen in Bangladesch verlagerten in den letzten Jahren viele grosse Labels ihre Produktion wieder nach Europa, zumal im Zuge der EU-Osterweiterung Erzeugnisse dieser Region den prestigeträchtigen Vermerk «Made in EU» tragen können. Trotz guter Auftragslage hat sich dort die Situation jetzt dramatisch verändert, da die Arbeitskräfte zu besser bezahlten Jobs im «EU-Kernland» bzw. nach England abwandern.

Roos greift diese Konstellation pointiert auf, verwebt sie mit dem Phänomen des Erlebnistourismus und wirft zugleich einen humorvollen Blick auf das Museum als Ort der Bildung und (ästhetischen) Teilhabe. Denn ‹Import Export› umfasst sowohl einen Schneider-Lehrbetrieb mit angeschlossenem Bulgarischunterricht als auch das Angebot für einen zweiwöchigen, über das Ausstellungsbudget finanzierten ‹Aktivurlaub› in der Textilfabrik in Goze Deltschew: Nach erfolgreich absolvierter Kurz­ausbildung können Museumsbesucher/innen dorthin reisen und die vakanten Arbeitsplätze temporär wieder besetzen - damit diesem Unternehmen das Schicksal der Schweizer Textilindustrie zumindest hypothetisch erspart bleibt. Statt auf dokumentarische Zugänge oder aktivistische Interventionen setzt Roos auf das Potenzial konkreter (lebens-)praktischer Erfahrung, die trotz «Freude am Absurden» die wirtschaftliche Brisanz nicht negiert; er begegnet ihr vielmehr mit Ironie und Humor, sind dies doch «Instrumente, die einen unbelasteten Zugang zu Themen eröffnen, die sonst von moralischer Schwere und klischierten Vorstellungen geprägt sind». Und so bleibt allen Beteiligten nur zu wünschen: Na dobar pat i mnogo schtastie!*

*Bulgarisch: Gute Reise und viel Glück! Alle Zitate entstammen Gesprächen mit Roland Roos im August 2017

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich. muellersbuero@gmx.ch


Bis: 19.11.2017


Roland Roos (*1974), lebt in Zürich
2006-08 School of the Art Institute of Chicago
2001-05 Zürcher Hochschule der Künste
1996-98 School of Audio Engineering, Tontechnik, Zürich
1990-94 Berufslehre als Elektromonteur, Hitzkirch

Ausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Import Export›, Kunstmuseum Olten; ‹0800 226 113›, Pavillon Le Corbusier, Zürich
2016 ‹wogeno›, Kunst-am-Bau-Wettbewerb, wogeno, Zürich; ‹Swiss Art Awards›, Basel; ‹Free Repair›, Taylor School of Art, Philadelphia
2015 ‹AAA›, Kunst im öffentlichen Raum (KiöR), Zürich; ‹Doings&Knots›, Kunsthalle Tallinn (EE)
2014 ‹Manor Kunstpreis Zentralschweiz›, Kunstmuseum Luzern; ‹Vanising Point›, Ausstellungsraum Klingental, Basel
2013 ‹Cityline›, Kunst im öffentlichen Raum, Klagenfurt; ‹Talk To the Hand›, Helmhaus, Zürich
2012 ‹Werkschau 2012›, Werkbeiträge des Kantons Zürich, F+F Schule für Kunst und Design, Zürich


Roland Roos und Mirko Baselgia im Gespräch mit Katharina Dunst und Brita Polzer, im Rahmen der ‹Villa Bleuer Gespräche›, eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, Villa Bleuler Zürich, am 3.10., 18-19.30 Uhr, anschliessend Apéro



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Hier erfahren sie ihre Pläne fürs Wochenende - Call 0800 226 113 [02.08.17-01.10.17]
Ausstellungen Roland Roos [10.09.17-19.11.17]
Institutionen Museum Heidi Weber/Centre Le Corbusier [Zürich/Schweiz]
Institutionen Kunstmuseum Olten [Olten/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Roland Roos
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