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Besprechung
10.2017


Yvonne Ziegler :  Aus angenehm ziehenden Linien, die von links unten nach rechts oben und von links oben nach rechts unten verlaufen, ergibt sich ein symmetrisches Kreuz, das beliebig vergrösser- und verkleinerbar ist. Kommen Farbe und weitere Bezugsorte hinzu, schafft Maja Rieder aus Einfachheit bestechende Komplexität.


Basel/Muttenz : Maja Rieder - Dynamische Räume und luftige Leere


  
Maja Rieder · Atelieraufnahme 2017. Foto Aline Zeltner


Die Basler Künstlerin Maja Rieder (*1979 Solothurn) bespielt mit kraftvollen raumgreifenden Arbeiten das gesamte untere Geschoss des Kunsthauses Baselland. Während sie in ihrem Frühwerk unter anderem die von Licht und Schatten herausgeschälten schemenhaften Formen von Bäumen und Architekturteilen mit Grafitpulver aufs Papier bannte, beschäftigt sie sich derzeit intensiv mit Formabfolgen und Systemen, die sich durch Teilung und Faltung ergeben. Von der Decke bis zum Boden reichen ihre direkt an der Wand befestigten Papierbogen im ersten Raum. Sie wurden vor dem Auftrag von Tusche zweimal gefaltet, sodass jede Papierbahn drei horizontal verlaufende Knicke aufweist. Auf dieser Flächeneinteilung baute Rieder ein System von Verbindungslinien auf, die mit extrem breiten Pinselstrichen über mehrere nebeneinander hängende Papierbahnen geführt wurden. Mal werden die äussersten Ecken, mal die innenliegenden Punkte verbunden. Immer jedoch sind es schräge, dynamische Linien, die über die gesamte Fläche einen spanungsvollen Verlauf von grauflüssiger oder hellgelber Tusche ergeben. Die Zeitlichkeit des Entstehungsprozesses ist anhand der sichtbaren Überlagerung der Tuschestriche und der durch die Knicke hervorgerufenen Unterbrechungen sichtbar.
Waren lange Zeit Grafit und schwarze Tusche in Rieders Œuvre vorherrschend, so überrascht sie nun mit Farbe und Plastik. Im zweiten Raum hängen farbkräftige ­Japanpapierbahnen, die mehrfach gefaltet in farbige Tusche eingetaucht wurden. Beim Ausklappen ergaben sich unterschiedlich stark eingefärbte Stellen, die insbesondere in den Knicken und den äusseren Faltbereichen intensiv sind und durch das einfallende Naturlicht changieren. Obwohl Rieders Werke einem strikten konstruktiven Grundsystem folgen, wirken sie organisch, denn den wässrigen Verlaufswegen der Tusche wird Raum zur Entfaltung gegeben. Sie lassen an die ersten fotografischen Lichtbilder denken, Erzeugnisse natürlich-chemischer Prozesse.
In ihren aktuellen Werken überträgt Rieder erstmals die Verbindung von Ecken und die Teilung von Formaten ins Dreidimensionale. Aus mehreren Tetraedern zusammengesetzte kompakte Körper aus dicker Pappe ähneln der systematischen Ordnung von Kristallen. Luftiger wirkt das Gerippe aus Holzleisten, welche die Eckpunkte eines Würfels verbinden. So führt uns Rieder in stets frischer Faszination die Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung anschaulich vor Augen. Weicher als Sol LeWitt, offener als Richard Paul Lohse und narrativer als Jan Schonhooven.

Bis: 12.11.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Marcia Hafif, Maja Rieder [15.09.17-12.11.17]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Marcia Hafif
Künstler/in Maja Rieder
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