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Besprechung
10.2017


Katharina Holderegger Rossier :  Kurz nach 2000 realisierte der dänische Künstler Jakob Kolding militante Werke zum Schicksal des utopistischen Städtebaus der 68er-Generation im Centre d’édition contemporaine in Genf. Jetzt gastiert er am selben Ort mit einer theatralischen Installation, in der das Raumthema erweitert und vertieft erscheint.


Genève : Jakob Kolding - Ein Kunstwerk aus Fussnoten


  
links: Jakob Kolding · The Outside or the Inside of the Internalised Externalised, Centre d'édition contemporaine, 2017, Aussstellungsansicht von der Strasse. Foto: Sandra Pointet
rechts: Jakob Kolding · The Outside or the Inside of the Internalised Externalised, Centre d'édition contemporaine, 2017, Ausstellungsansicht im CEC. Foto: Sandra Pointet


Bereits bei seiner ersten Einzelschau ‹Posters› 2003 im CEC richtete sich der damals noch junge Kolding (*1971) an ein breites Publikum. Er gab mit der Leiterin Véronique Bacchetta ein Plakat heraus, das an die Agitprop-Collagen eines John Heartfield mahnte. Darauf blitzte zwischen fotokopierten Presseclips von Satellitenstädten und Jugendlichen, die diese Räume in den neoliberalistischen Achtziger- und Neunzigerjahren als Rapper, Skater und Graffr neu zu beleben begannen, ein Fragenkatalog auf: «Qui utilise l'espace? Qui...» Der Künstler hängte dieses Plakat im ganzen Stadtraum von Genf aus, das CEC zeigte die Fotografien dieser Installationen.
Bei seinem aktuellen Auftritt nutzt der heute international tätige Kolding nun auch die Schaufenster der Institution und er erreicht die Passanten mit einer wirkungsvollen Installation. Wenn man sich umdreht, wird man beim Blick durch die Glasfront durch eine im Anrücken eingefrorene Gruppe überrascht. Die verschiedenen Haltungen und Massstäblichkeiten der Figuren sowie die schwarzen Vierecke, zwischen denen sie erscheinen, verunklären den Raum, in dem sie sich befinden: Befinden sie sich zwischen Wasser und Luft, schweben sie im All oder - darauf deuten ihre geisterhafte Erscheinung in Schwarzweiss und die Unvereinbarkeit der Figuren, die an Manet, Virginia Woolf, Borges, Freud, Yvonne Rainier, einen Kosmonauten oder einen Breakdancer denken lassen - in einem mentalen Raum?
Beim Betreten der Institution eröffnet sich einem beruhigend nicht nur die Mache der Installation aus Pappe, Holz, Stoff und Tünche; man entdeckt auch die neuen Collagen des Künstlers, die sich nicht mehr durch eine harte Konfrontation von Elementen und Figuren akademischer und subversiver Raumkultur des 20. Jahrhunderts auszeichnen. Vielmehr bestehen sie aus fliessend ineinandergreifenden Schichten eines erweiterten Repertoires, das von den ersten globalen, oft noch phantastischen Tier- und Pflanzenenzyklopädien über Interieurs eines Malers wie Vilhelm Hammershoi oder eines Architekten wie Mies van der Rohe bis zur Sci-Fi-Szenarien reicht. Vor allem aber werden einem beim Herumwandeln die riesigen Leerräume in diesem wie aus seinen eigenen Fussnoten erzeugten Werk klar. Der aus der Satellitenstadt Albertslund stammende Künstler verpackt in ihnen nichts Geringeres als die Aufforderung, die Umwertung kultureller Werte kraft eigener Erfahrungen und Referenzen weiterzutreiben.

Bis: 30.09.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Jakob Kolding [19.05.17-30.09.17]
Institutionen Centre d'édition contemporaine [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Jakob Kolding
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