Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
10.2017


Alice Henkes :  Anna Amadio ist eine Plastikerin mit einer Vorliebe für Farben. Im Kunsthaus Grenchen zeigt sie eine Serie neuer Arbeiten zwischen Objekt und Malerei, die ihre intensive Auseinander­setzung mit den Klassikern der Moderne dokumentiert und gleichzeitig die Grenzen dieser Annäherung fassbar macht.


Grenchen : Anna Amadio - The closest I could get


  
Anna Amadio · Paul Signac, Le Pin Bertaud, Saint-Tropez - The closest I could get, 2017


Die Klassiker der Moderne erzielen Rekordpreise an Auktionen und ihre Gemälde sind Garanten für gut besuchte Ausstellungen. Sie sind, hinsichtlich der Aufmerksamkeit, die sie noch immer hervorrufen, Giganten, an denen zeitgenössische Kunstschaffende sich in etlichen Formen wie Hommage, Pastiche, Appropria­tion abarbeiten. Die in Basel lebende Plastikerin Anna Amadio (*1963, Belp) zeigt in ihrer Ausstellung ‹Die Autonomie der Farbe - The closest I could get› im Kunst­museum Grenchen eine Serie neuer Arbeiten, welche die Auseinandersetzung mit den Klassikern der Moderne sucht. Amadio geht es dabei nicht um eine aktuelle Interpretation von Farbigkeit oder Inhalten, sondern um das Bild als räumlich erfahrbares Objekt. Die Künstlerin, die vorgängig u.a. Zeichnungen aus Leim gefertigt und dann mit Farbstiften als Frottage abgenommen hat, setzt damit ihre Arbeit im Grenzbereich von Malerei und Plastik fort. Und sie schreibt die Bedeutung des Bildes als Objekt und als «wahrer Kosmos» fort, wie er mit dem Spätimpressionismus und dem Aufkommen der Autonomie der Farbe entstanden ist.
Das Ausmass der (Forschungs-)Arbeit, das in Amadios Annäherungen an Werke der klassischen Moderne steckt, ist der aufgeräumt wirkenden Ausstellung nicht anzusehen. Die Künstlerin hat Schlüsselwerke wie van Goghs ‹Sonnenblumen› und Monets Seerosen fotografiert und nachgemalt. Besonderes Augenmerk legte sie dabei auf den Pinselduktus und die Dichte der Farbschichten. Sie interessiert vor allem die Oberflächenstruktur, von der sie mithilfe einer Farb-Leim-Mischung Abdrücke macht. In diesen Abgüssen sind Breite und Schwung des Pinsels, Linienführung und Flächengestaltung als Relief zu sehen. Einige Abgüsse, wie ‹Vincent van Gogh, Vase avec douze tournesols - The closest I could get›, 2017, lassen deutlich das Motiv des Vorbildes erkennen. Der monochrom gelbe Abdruck wirkt wie ein plastisches Negativ des Bildes. Amadio wählt für die Abgüsse stets eine Farbe, die im Original vorkommt, doch nicht unbedingt dominieren muss. Das ist zuweilen eine Herausforderung fürs Auge. Der Abdruck von van Goghs ‹Le poirier en fleurs› erscheint in einem massiven Dunkelblau, das nur schwer mit dem zarten Birnbäumchen in Verbindung zu bringen ist. Bei ‹Paul Signac, Le Pin Bertaud, Saint-Tropez - The closest I could get›, 2017, ist es indes die Oberflächenstruktur selbst, die irritiert. Der von Amadio imitierte pointillistische Farbauftrag erzeugt im Abdruck ein Muster, das an Krokodilleder erinnert und weniger an provenzalische Pinien.

Bis: 05.11.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Anna Amadio, Peter Travaglini [27.08.17-05.11.17]
Institutionen Kunsthaus Grenchen [Grenchen/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Peter Travaglini
Künstler/in Anna Amadio
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1709241805128Q3-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.