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Besprechung
10.2017


Meredith Stadler :  Die Ausstellung ‹Finding Brutalism› bietet Anlass, in die Luzerner Agglomeration zu reisen. Simon Phipps zeigt dort seine Fotografien, die der Architektur des britischen Brutalismus gewidmet sind. Ein vielversprechendes Rahmenprogramm schlägt parallel den Bogen bis nach Jugoslawien und Afrika.


Kriens : Simon Phipps - Brutalistische Promenade


  
Simon Phipps · Institute of Education, London, 1970-76, Architekt: Denys Lasdun, Courtesy Museum im Bellpark Kriens


Die Fluchtlinien sind auf der Fotografie so präzise gesetzt wie die Kanten der abgebildeten unverputzten Betonblöcke. Massive Kuben hieven sich übereinander, frontal aufgenommene Ecken leiten den Blick über die Gebäudeflanken in die Ferne, eine fensterlose Fassade dämmert unter dem monochromen Himmel vor sich hin. Die brutalistische Orchestrierung des Raums lässt eine Vielfalt an Eindrücken zu - und die Dramaturgie der Fotografien entspricht diesem gewichtigen Stück der architektonischen Nachkriegsmoderne. Simon Phipps (*1964, Leeds) ist mit dem Brutalismus gross geworden. Seinen Gegenstand musste der gelernte Bildhauer weder bauen noch bilden. Stattdessen entdeckt er seit über zwanzig Jahren vertraute Ansichten neu. Sorgfältig sind die Perspektiven gewählt, aus denen er die plastischen Qualitäten des Brutalismus fotografisch übersetzt. Mittlerweile treibt ihn auch ein dokumentarisches Interesse: Die unternommenen Streifzüge haben sich bereits zu einem mehr als siebenhundert Objekte fassenden Bildarchiv verdichtet. Tatsächlich erinnert die heutige Situation des Brutalismus an diejenige deutscher Industriearchitektur in den Siebzigern. Ähnlich wie Bernd und Hilla Becher fotografiert Phipps vom Verschwinden bedrohte Bauten und hinterfragt deren Wertigkeit.
In Kriens werden die verschiedenen Aspekte von Phipps' Werk ausgewogen beleuchtet. Die grosse Zahl der Exponate sind nach formalen Qualitäten lose gruppiert. Mehrere frontal aufgenommene Fassaden fordern zum Anhalten auf, dann laden Fluchten und Passagen wiederum zum Weitergehen ein. Der Rhythmus des Fotografen - des durch die gebaute Umwelt schweifenden Flaneurs - wird dadurch visuell wie motorisch nachvollziehbar. Eine weitere Metaebene eröffnet der Werkkomplex im Untergeschoss. Während Zeichnungen aus Studienzeiten den frühen Blick Phipps' auf die Architektur zeigen, demonstrieren Fotomontagen das Potenzial, am Bestehenden einen Blick für das Zukünftige zu entwickeln. Wie Phipps zwei historische Gebäude zu einer neuen «Architektur» montiert, so können Fotografie, Archiv oder Ausstellung vormalig Disparates vereinigen. Das Projekt in Kriens präsentiert so eine Art brutalistische Idealstadt. Ein Diktum Brechts hatte der Brite bereits 1992 durch die Substantivierung des «C» auf den Brutalismus gemünzt: «Truth is Concrete». Dies Konkrete verändert sich von Tag zu Tag.

Bis: 05.11.2017


Gespächsreihe in der Hochschule Luzern – Technik & Architektur, Mädersaal, Horw, jeweils 19 Uhr: mit M. Stierli am 28.9.; mit I. Davidovici, A. Forty, J. Sergison und S. von Moos (e) am 19.10.; mit O. Elser, I.Schröder und O. Uduku (e) am 2.11



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Simon Phipps [26.08.17-05.11.17]
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Meredith Stadler
Künstler/in Simon Phipps
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