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Besprechung
10.2017


Samuel Herzog :  Die vierte Ausgabe der Walliser Triennale für zeitgenössische Kunst findet auf der Autobahnraststätte Saint-Bernard bei Martigny statt. Die Werke von rund dreissig Künstlerinnen und Künstlern sind zum grössten Teil unter freiem Himmel in einem kleinen Park mit Teich inszeniert.


Martigny : Triennale Wallis - Next Exit


  
links: Jérôme Leuba · Zelte bei der Tankstelle Saint-Bernard
rechts: Séverin Guelpa · Social Network, 2017


Am meisten haben mich die zwei Esel gefreut, die mir am Ende einer Sackgasse fröhlich entgegentrabten und sich blinzelnd von mir die Köpfe streicheln liessen. Das war etwa auf halber Strecke vom Bahnhof Martigny zum Relais autoroutier du Saint-Bernard, wo gegenwärtig die vierte Ausgabe der Walliser Kunsttriennale stattfindet. Wer nicht mit dem Auto kommt, sondern mit der SBB anreist, hat nur wenige Möglichkeiten, die Ausstellung zu erreichen. Der von den Veranstaltern versprochene Veloverleih am Bahnhof Martigny ist offenbar nicht immer geöffnet (am zweiten Ausstellungstag auf jeden Fall war er zu), der empfohlene Bus Nummer 220 fährt nur viermal am Tag - und ein Taxi kostet angeblich CHF 40 pro Weg. Der Spaziergang dauert ungefähr eine Stunde, wenn man sich nicht zu oft verläuft, denn ausgeschildert ist nichts. Der angenehmste Weg führt vom Stadtzentrum den grauen Wassern der Dranse entlang, deren Ufer von alten Bäumen beschattet sind. Man geht an Zelten vorbei, in denen Hors-Sol-Himbeeren für die Migros angebaut werden, läuft zwischen Apfelplantagen und Aprikosenspalieren dahin, bis man schliesslich zum kleinen Lac de Rosel gelangt, an dessen Ufern die Autobahnraststätte liegt.
Da wird man für seine Mühe mit stabiler Kost belohnt, die teilweise im Hauptgebäude der Raststätte, grösstenteils aber im zugehörigen Landschaftspark in Szene gesetzt ist. Zwischen Restaurant und Shop etwa ruft Pipilotti Rist aus einer Flammenhölle um Hilfe (‹Selbstlos im Lavabad›). François Curlet ist mit seinem intriganten Sport-Leichenwagen vorgefahren - und Anne-Julie Raccoursier lässt im ersten Stock per Video ihr ‹Crazy Horse› über ein Laufband traben.
Lang/Baumann haben eine künstliche Insel in den Teich gesetzt, die sich dann plötzlich zu einer phallusartigen Röhre aufbläst. Monica Bonvicini schreibt mit gros­sen Spiegelbuchstaben «Desire» an den Rand des Wassers. Gianni Motti hat zwei Wegweiser hingestellt, die nach «Success» respektive nach «Failure» führen. Und Jérôme Leuba hat rund um die Tankstelle Igluzelte aufgebaut, die Bilder der Flüchtlingslager in Griechenland oder Italien evozieren. Einen ganz besonderen Ort hat sich Séverin Guelpa für seine Arbeit ‹Social Network› ausgesucht. Er lässt seine aufge­blasenen Lastwagenschläuche genau da ins Wasser gleiten, wo sich die dunkle Dranse wie Tinte in das Hellgrau der Rhone wölkelt. Apropos Dranse: Natürlich gehören die zwei reizenden Esel etwas weiter oben am Fluss nicht zu den Exponaten der Biennale - aber was wäre die Kunst denn ohne die Umwege zu ihr?

Bis: 22.10.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Triennale 2017 [26.08.17-22.10.17]
Institutionen Autobahnraststätte Relais du Saint-Bernard [Martigny/Schweiz]
Autor/in Samuel Herzog
Link http://triennale2017.ch
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