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Besprechung
10.2017


Kristin Schmidt :  Ist Schönheit von Funktion abhängig? Oder an Material und Form gebunden? Magali Reus inszeniert ihre Objekte an der Schnittstelle von funktionaler Ästhetik und Dekorlust. Das Kunst­museum St. Gallen zeigt mit ‹Night Plants› aktuelle Arbeiten der in London lebenden Künstlerin.


St. Gallen : Magali Reus - Präzision und Raffinesse


  
Magali Reus · Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen 2017, Courtesy The Approach, London. Foto: Annik Wetter


«Form follows function» - der Gestaltungsleitsatz suggeriert Eindeutigkeit und wird doch seit mehr als hundert Jahren diskutiert. Während die einen darin die Aufforderung lesen, die Gestaltung praktischen und ökologischen Aspekten unterzuordnen und die Form im Sinne des Weniger-ist-mehr aufs Notwendige zu reduzieren, erkennen die anderen darin den Aufruf, in die Gestaltung auch repräsentative Elemente zu integrieren, um die Sinne zu stimulieren, Identifikationspotenziale zu wecken oder Konsumanreize zu setzen. Diese Diskussion hat immer neue Wendungen genommen und wird durch die Bildende Kunst nicht entschieden, aber doch um einige Argumente bereichert. Vor allem, wenn Magali Reus sich einmischt. Die Objekte der niederländischen Künstlerin (*1981, Den Haag) suggerieren Funktionalität verbunden mit höchster gestalterischer Finesse. Sie sind bis ins kleinste Detail sorgsam durchgearbeitet. Keine noch so kleine oder grosse Form, kein Zentimeter Material ist zufällig platziert - aber zu welchem Zweck? Die Objekte im Kunstmuseum St. Gallen suggerieren eine Funktionalität, der sich jede Niete, jeder Riemen, jedes Gewebe unterzuordnen scheint. Aber die Künstlerin lässt alle Spekulationen ins Leere laufen. Die Objekte erinnern zwar an Gebrauchsgegenstände, doch mit der ausgeklügelten Materialwahl und -kombination sowie der detailversessenen Gestaltung funktionieren sie als Porträts von Situationen, Lebenshaltungen und -einstellungen. Obgleich in der Grundform verwandt, entfalten alle einen eigenen Charakter. Sie sind bequem gepolstert oder nostalgisch graviert, sie besitzen praktische Fächer oder Gurte, sie sind sandgestrahlt oder pulverbeschichtet, aus hochwertigem Kunststoff, Metall oder Leder. Ihr Dekor ist mehr als überflüssiger Zierrat und wird als ebenbürtiges Element inszeniert. Zugleich sind die Objekte eine Ode an das Handwerk, ausgeübt von selbst- und materialbewussten Spezialist/innen.
In ihrer ausgetüftelten Ästhetik verbinden sich die ausgestellten Werke aufs Schönste mit den Neorenaissance-Räumen. Auch hier überlässt die Künstlerin nichts dem Zufall. Über die sorgsam platzierten Einzelobjekte hinaus entwickelt sie eine stimmige Ausstellungsinstallation, die mit der Architektur, den schlanken, grauen Doppelsäulen, ihren Kapitellen und den Durchgängen den Dialog aufnimmt und diesen bis in die derzeitige Sammlungspräsentation hineinträgt, in der passenderweise die niederländischen Landschaftsmaler zu Reus' Nachbarn werden.

Bis: 22.10.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Magali Reus [03.06.17-22.10.17]
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Magali Reus
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