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Besprechung
10.2017


Claudia Jolles :  «Hollywood is not just a place, it is also a word – you can hollywood anything.» Was er damit meint, führt uns der französische Künstler Pierre Bismuth in seiner passgenau in die Lokremise eingebauten Videoinstallation und in einem abendfüllenden ­Actionthriller vor Augen.


St. Gallen : Pierre Bismuth - Where is Rocky II?


  
Pierre Bismuth · Where is Rocky II?, 2017, Installationsansicht Lokremise St. Gallen. Foto: Markus Mosmann


Dicht drängt sich das Publikum in der Eingangshalle der Hayward Gallery, die Eröffnung ist in vollem Gange und das Publikum darf Fragen stellen. Und tatsächlich, jemand meldet sich aus den hinteren Reihen und will wissen: «Where is Rocky II?» Der Angesprochene, sicher für jede Frage gewappnet, blickt ungläubig in die Menge. Ein Lächeln huscht über sein zerfurchtes Gesicht, bevor er sich zu einer Antwort durchringt: Ich werde es Ihnen nicht sagen.

Der Künstler ist Ed Ruscha (*1937, Omaha, Nebraska), ein Weltstar. Auch der bärtige Fragensteller im Publikum ist eine bekannte Grösse. Es handelt sich um den oscarprämierten Drehbuchautor und Künstler Pierre Bismuth (*1963, Neuilly-sur-Seine), der in seinem neuen Film gerade selbst eine führende Rolle spielt. Das Thema des Werks umschreibt er an der Pressekonferenz wie folgt: «Es geht um einen realen Künstler, einen realen LA-Detektiv, reale Hollywood-Drehbuchautoren und einen sehr künstlichen Felsen.» Doch anders als gängige Hollywood-Produktionen sei das Drehbuch nicht vor, sondern während des Filmens entstanden, «am Tag wurde gedreht und am Abend umgeschrieben». Auf das Thema stiess er zufällig über einen BBC-Dokumentarfilm aus den Siebzigerjahren. Dieser zeigte den jungen Ed Ruscha nicht etwa im Atelier beim Malen seiner ikonischen Landschaften mit den tiefen Horizontlinien. Vielmehr filmte das Team den Künstler und einen Kollegen in einer Garage beim Schleifen eines künstlichen Felsens aus Fiberglas und begleitete die beiden, während sie den «Fake-Rock» auf einem Pickup-Truck durch eine Wüstenlandschaft karren und zwischen Felsbrocken, die dem künstlichen aufs Haar gleichen, abladen.

Doch wo befindet sich das unbekannte Frühwerk des mittlerweile weltbekannten Künstlers heute? Die Frage liess Bismuth zum Thema eines abendfüllenden Thrillers und einer mehrteiligen Installation werden. Um das Grossprojekt zu finanzieren, stellte er zunächst einen «Fake-Trailer» her, der nun Teil einer raumgreifenden ­Videoinstallation in der Lokremise geworden ist. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln reagieren verschiedene Protagonisten auf die Geschichte und rätseln über den Verbleib von ‹Rocky II›. Ed Ruscha gibt sich wortkarg. Mehr als ein kryptisches Lächeln ist ihm nicht abzugewinnen. Die ihn umgebenden Chefkuratoren und Kunstfachleute, die vermeintlich jede seiner Zeichnungen, jeden Tagebucheintrag kennen, reagieren auf die vorgelegten Videostills verlegen bis verdrossen: I can't see a work here.

Die Story, die sich da Szene um Szene vor unseren Augen entfaltet - im Kino sitzen wir davor, in der Installation stehen wir mittendrin -, könnte spannender nicht sein. Die Grübeleien des schnauzbärtigen Detektivs - ein von Bismuth engagierter Ex-Cop -, die aberwitzige, von der Wirklichkeit laufend überholte Storyline der Drehbuchautoren, der abwesende Ed Ruscha und der Felsen, um den sich alles dreht, sind so miteinander verwoben, dass Fiktion und Realität sich ständig überlagern. Aufnahmen, Schnitt, Soundtrack, Casting, der Mix von Schauspielern und Laien verbinden sich zu einem Actionthriller, der es mit jeder kommerziellen Produktion aufnehmen könnte. Man wird eingesponnen - und hinkt dem Plot doch stets hinterher. Das hat System: «Das Ziel war einfach. Die offensichtliche Obsession war ein Vorwand. Ich wollte eine Dokumentation in einer Fiktion verstecken. Es gibt nichts Interessanteres als Realität. Alles wurde in Echtzeit gefilmt, doch ich wollte, dass es wirkt, als ob die Geschichte inszeniert worden sei. Ich wollte einen steten Zweifel wecken, Zweifel an Dingen, die total klar und real sind. Eine Strategie aus dem Bereich der Kunst ins Kino übertragen und wieder zurück in die Kunst.»

‹Rocky› ist in der Tat nur ein Vorwand, um einerseits die Mittel der Filmindustrie von Hollywood vorzuführen und gleichzeitig den Scheinwerfer gezielt auf die Maschinerie und das Personal hinter der Leinwand zu richten. Dass ähnliche Mechanismen auch im Kunstbetrieb greifen, dass es auch hier solche gibt, die vor und hinter der Szene agieren, das Script schreiben und stets neu auf die Realität abstimmen, wird einem nicht erst am Schluss deutlich, wenn der Cop mithilfe des angejahrten Kumpels von Ruscha unter der glühenden Wüstensonne kurz vor der Lösung des Rätsels steht. Bismuth wurde 2005 für das beste Originaldrehbuch für den Film ‹Vergiss mein nicht› prämiert. In ‹Rocky II› macht er das Schreiben des Drehbuchs selbst - das Beobachten, Recherchieren, Fantasieren, Improvisieren - zur Geschichte. Für das daraus resultierende brillant geschnittene Werk hätte er durchaus einen zweiten Oscar verdient.

Bis: 12.11.2017


mit Katalog, Filmvorführungen im Kino in der Lokremise, 29.9., 17 Uhr und 11.11., 16 Uhr



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Pierre Bismuth [08.07.17-12.11.17]
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen – Lokremise [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Pierre Bismuth
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