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Besprechung
10.2017


Nicola Schröder :  Die Fotostiftung zeigt mit Dominic Nahr einen jungen Fotografen, der hingeht, wo andere wegschauen. Er dokumentiert, was sich im Grossteil der medialen Landschaft als blinde Flecken festgesetzt hat: Krisenherde in Afrika, darunter der Südsudan, Mali, Somalia und die Demokratische Republik Kongo.


Winterthur : Dominic Nahr - Blind Spots


  
links: Dominic Nahr · Südsudan, 2012. Der leblose Körper eines Soldaten schwimmt in einer Lache aus Öl. Zuvor waren südsudanesische Streitkräfte in das Gebiet um den Ort Heglig eingedrungen, begleitet von schweren Gefechten mit Sudans Militär.
rechts: Dominic Nahr · Südsudan, 2015. Eine Familie sucht Schutz im Sumpfgebiet, Unity State.


Welt oft nur gewohnte Randnotizen eines vermeintlich zunehmenden Schlechte-Nachrichten-Stroms. Genau dagegen arbeitet der Schweizer Dominic Nahr an. Er selbst lebt seit geraumer Zeit in Afrika und seine Arbeiten werden inzwischen von den wichtigsten Nachrichtenredaktionen der Welt geschätzt. Auch einen World Press Foto Award für General News hat der 33-Jährige bereits erhalten. Die Fotostiftung ist der ideale Ort für seine Ausstellung, die sich schwer anhand rein formaler Kriterien, aber genauso wenig nur über inhaltliche Aspekte erschliessen lässt. Hier kann man unverbrämt mit der Arbeit eines Dokumentarfotografen umgehen, danach fragen, was eine Fotografie zeigen kann, darf oder muss. Der Zynismus, solche Bilder in einem White Cube an einem der wohlhabendsten Orte der Welt anzuschauen, bleibt trotzdem bestehen und spielt für die Wahrnehmung der Ausstellung eine spürbare und wichtige Rolle.
Nahr hat nicht die brutalsten Bilder aus seinem Archiv herausgesucht - und sicher gibt es sehr viele davon -, sondern auch einige, zu denen man sich hingezogen fühlen kann, zu denen man positive Gefühle entwickelt. Dafür sorgen spektakuläre Perspektiven, Momentaufnahmen und das Gespür für aussagekräftige Bildkompositionen. Nahr ist einer, der seine Botschaft nicht mit dem Holzhammer, sondern mit der Waffe der Eindringlichkeit vermittelt. Die Schönheit einiger Aufnahmen, Perspektiven und Menschen berührt und verbildlicht die Antenne, die Nahr für die ihm begegnenden Menschen hat. Gleichzeitig vermittelt sie im Kontrast mit der allgegenwärtigen Gewalt und Aussichtslosigkeit das Leid und die Zerstörung umso eindringlicher. Vorrangig scheint es dabei um die Menschen zu gehen, um deren Schicksale und darum, der westlichen Welt eine Vorstellung zu vermitteln, wie das Leben vor Ort aussieht. Und deutlich zu machen, dass sich Menschen hier wie dort über ihre Liebe zum Leben, über ihren Glauben und ihre Hoffnungen definieren. Eine Frau, die sich mit ihren fünf Kindern durch einen schlangenbevölkerten Wassergraben schlägt, um an eine Ausgabestelle für Essen zu gelangen, hat die Hoffnung noch nicht gänzlich aufgegeben. Nahr stellt sie in ihrer Würde dar, er zeigt ihren Kampf ums Überleben, der sich täglich neu stellt. One day at a time - lautet das unerbittliche Überlebensmotto hinter den Bildern.

Bis: 08.10.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Dominic Nahr [20.05.17-08.10.17]
Institutionen Fotostiftung Schweiz [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Nicola Schröder
Künstler/in Dominic Nahr
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