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Hinweis
10.2017




Basel : Véronique Arnold


von: Iris Kretzschmar

  
links: Véronique Arnold · Vouloir et ne pas vouloir, 2017, Stickerei auf Textil, Textilcollage, 50x40 cm. Foto: Julien Kauffmann
rechts: Véronique Arnold · Trop tard, 2017, Stickerei auf Textil, Textilcollage, 50x40 cm. Foto: Julien Kauffmann


Während andere zeichnend über die Welt nachdenken, reflektiert Véronique Arnold (*1973, Strasbourg) mit Stickerei. ­Zeitintensiv ist die Arbeit und sperrig das Medium. Mit Nähmaschine oder Nadel verdichtet sie Gedanken und Texte zu eindrücklichen Bildern. In kindlichen Schriftzügen tauchen Poesie oder Wortkaskaden in Verbindung mit Figuren auf. Arnold studierte zunächst Germanistik, seither ist Dichtung Teil ihres künstlerischen Wirkens. Mit einem Zitat von René Char baut sie ein inhaltliches Dach: ‹Notre héritage n'est précédé d'aucun testament.› Darunter versammelt sind 32 fein gestickte Tüchlein aus dem Jahr 2017. Die Künstlerin versteht das Zitat des französischen Schriftstellers und Widerstandskämpfers René Char, das auch von Hannah Arendt aufgegriffen wurde, als Leitmotiv ihrer Ausstellung. Die kritischen Texte der beiden Literat/innen spiegeln Arnolds Besorgnis über den ­politischen Wandel in der Gesellschaft, ­ihre Frage, ob eine kulturelle Hinterlassenschaft hilft, das Kommende zu meistern.
Arnolds einzelne Bildgewebe sind von ganz gegensätzlichen Stimmungen durchwirkt. Die einen erzählen von Sinnenfreude und Erneuerung, andere zeigen Melancholie und Zerstörung. Mit rhythmisch wiederholten Begriffen wie «mensonge» oder «liberté» befragt sie die politische Gegenwart, die von Krieg und Unterdrückung geprägt ist. Sie bezweifelt, dass aus der Vergangenheit etwas für die Zukunft gelernt wurde. So sind Worte wie «Trop tard» achtmal in rote Hände eingeschrieben, die wie Feuerzungen über einem grossen Aschehügel schweben, während im Vordergrund eine von Adern durchfurchte Hand Einhalt gebietet. Zweifel und Gefangensein zeigt sich in der Arbeit ‹vouloir et ne pas vouloir›. Eine zarte Gestalt scheint handlungsunfähig in Fäden verstrickt und von Wörtern besetzt. Die Frage nach Macht und Ohnmacht verkörpert ein Tyrann in rotem Gewand, der über kleine schwarze Amöben herrscht. Ganz anders das Werk ‹émerveillement›. Aus dem Wort entspringt ein ganzer Reigen an Blättern, Blüten und Gesichtern - ­eine Feier der Schöpfung und Schönheit. Arnolds Stickbilder stehen in der Tradition von Textilkunst von Louise Bourgeois oder von surrealistischen Werken von Meret Oppenheim. Mit Textseiten, welche die Lyrik von Hannah Arendt zitiern, stellt sie sich mit widerständiger Poesie gegen Zerstörung und Verbitterung. Mit ihren Zeichnungen aus Faden und Garn versucht sie einem gefährdeten Leben zu begegnen und bedrohlichen Schatten etwas Fragiles kraftvoll entgegenzustellen.

Bis: 21.10.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Véronique Arnold, Valentina Stieger [01.09.17-21.10.17]
Institutionen Galerie Stampa [Basel/Schweiz]
Autor/in Iris Kretzschmar
Künstler/in Véronique Arnold
Künstler/in Valentina Stieger
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