Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
10.2017




Basel : Jérôme Zonder


von: J. Emil Sennewald

  
Jérôme Zonder · The Dancing Room, 2017, Installationsansicht, Museum Tinguely, Basel. Foto: Daniel Spehr


Der Mengele-Totentanz, 1986 von Jean Tinguely erstellt, ist ein düsteres, spätes Werk. Es resümiert seinen ansteckenden Sinn für erfindungsreichen Umgang mit Objekten und seine tiefe Verwurzelung in der Unglücksgeschichte des 20. Jahrhunderts. Jetzt stellt das Museum Tinguely die Skulpturen wieder als Ensemble aus. Aktuelle Positionen sollen dem Raum im zweiten Stock regelmässig eine Ouvertüre liefern. Jérôme Zonder (*1974) macht den Auftakt in Gestalt einer ‹danse macabre›. Auch der Zeichner aus Paris gibt ein düsteres Bild der Zeit, fügt mit Leichtigkeit Collage und Fingerabdruck, Kohle und Bleistift, Cartoon und altmeisterlichen Strich zu einer Welt aus Zeichnungen, welche die dunkle Seite der Linien freisetzen. Dieselben Eingrabungen in die weisse Oberfläche, durch die ein grafisches Bild erscheint, tragen in sich eine Gewalt, welche die Bilder erzählen: eine Vergewaltigungsszene aus dem 19., kindische Mordszenen aus dem 20., brutale Femen-Festnahmen im 21. Jahrhundert. Eng bis unter die Decke gehängt und gegenüber einem Gestell aus spitz zugeschnittenen schwarzen Pflöcken, das die Szenerie etwas zu sehr einrichtet, erzählt Zonder von Gewalt als Grundverfassung ästhetischen Formens und Sehens. Inhaltliche Ähnlichkeiten sollten jedoch die Unterschiede zwischen den beiden Künstlern nicht verdecken. Anders als Zonder grub Tinguely sich nicht durch den Formen­kanon gesellschaftlicher Sehnsucht. Er stellte Gefundenes aus dem Umfeld seiner unterschiedlichen Wohnorte in der Romandie und in Frankreich zusammen, wollte den Dingen zum Sinn verhelfen. Der Mengele-Totentanz besteht aus den Resten einer vom Blitz getroffenen Scheune, kombiniert Maschinen mit Tierschädeln, ein Totem-Tanz. Der titelgebende verbrannte Traktor trägt das Firmenschild Mengele - der Name des berüchtigten Nazi-Mörders. Grub Tinguely in den Krusten von Objekten nach Sinn, so wühlt sich Zonder durch bedeutungsharte Bildschichten. Beiden geht es, vom Tode umfangen, ums Leben.

Bis: 01.11.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Jérôme Zonder [07.06.17-01.11.17]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Jérôme Zonder
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170924215555AA8-29
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.