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10.2017




Colmar : Alexander Rodtschenko


von: Yvonne Ziegler

  
links: Alexander Rodtschenko · Panzerkreuzer Potemkin, 1925, Courtesy Puschkin Museum, Moskau ©ProLitteris
rechts: Alexander Rodtschenko · Porträt von Lilya Brik, 1924, Courtesy Puschkin Museum, Moskau ©ProLitteris


Im Musée Unterlinden gastieren diesen Sommer ausgewählte Werke des russischen Avantgardisten Alexander Rodtschenko (1891-1956) aus dem Moskauer Puschkin Museum. Die chronologisch geordnete Schau geht in kleinen, luftigen Sektionen auf die unterschiedlichen Phasen und Werkansätze Rodtschenkos ein. Gleich zu Beginn stösst man auf eine frühe Zeichnung eines sowjetischen Athleten, dessen gesichtsloser Körper schematisch aus feinen Linien, wenigen Schraffuren und geometrischen Elementen aufgebaut ist. Der Oberkörper ist kämpferisch nach vorne geneigt, der Kopf nach unten gerichtet. Sinnbildlich steht die Zeichnung nicht nur für den Wettkampf des Sowjetmenschen gegen die alte Welt, sondern auch für eine neue russische Kunst, die den Kubofuturismus hinter sich zu lassen beginnt. Im gleichen Raum befindet sich eine grossformatige Aufnahme von Rodtschenko selbst. Er trägt ein avantgardistisches Arbeiterkostüm in Form eines unförmigen Overalls mit aufgesetzten Taschen und Knöchelbündchen. Der Mensch und die Gestaltung seiner Umwelt stehen im Zentrum seines Œuvres, was im Verlauf der Ausstellung deutlich wird.
Um diesen Weg einschlagen zu können, arbeitete sich Rodtschenko zunächst an der Malerei und der Bildhauerei ab. Drei monochrome Bilder stellten den höchsten Ausdruck von Malerei dar und aus Sperrholz geschnittene, räumlich gegeneinander verschobene Kreise spannten ein luftiges Volumen auf. Ab 1921 widmete er sich ganz der konkreten Gestaltung von Alltagsdingen, wie Architektur-, Möbel-, Stoffmuster- und Kostümentwürfe sowie ein Teeservice bezeugen. Viel Raum nimmt seine moderne typografische Gestaltung von Zeitschriften, Buchdeckeln, Verpackungsmaterial und Kinoplakaten ein. Darunter sind Bücher des russischen Schriftstellers Wladimir Majakowski und ein Kinoplakat von Sergei Eisensteins ‹Panzerkreuzer Potemkin› zu entdecken. Ein weitere Sektion offenbart seinen besonderen fotografischen Blick: eine anrührende Nahaufnahme des Gesichts seiner Mutter und eine ungewöhnliche Perspektive von unten auf die aufgeblasenen Backen eines Trompeters stechen ins Auge. Bleibt noch der Entwurf eines Arbeiterclubs zu erwähnen, für den er 1925 auf der Pariser Weltausstellung eine Silber­medaille erhielt. Dieser wird in Zeichnung, Modell und Animation anschaulich vorgestellt. Aus heutiger Sicht wirkt Rodtschenkos Glaube an die gesellschaftliche Gestaltungsmacht der Kunst nahezu naiv und die avantgardistischen Utopien mehr verstaubt als revolutionär.


Bis: 02.10.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Alexander Rodtschenko [08.07.17-02.10.17]
Institutionen Musée d'Unterlinden [Colmar/Frankreich]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Alexander Rodtschenko
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