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10.2017




Genève : Print!


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Print! Les premières pages d'une révolution, La Presse, Ausstellungsansicht Musée international de la Réforme, 2017, Genf
rechts: ‹Print! Les premières pages d'une révolution, La Galaxie Gutenberg, Musée international de la Réforme, 2017, Genf


Der neue Direktor des Musée interna­tional de la Réforme/MIR Gabriel de Montmollin und der freie Kurator Juri Steiner begehen den runden Geburtstag des Thesenanschlags von Martin Luther an der Tür der Wittenberger Schlosskirche 1517 mit einer Kombination aus historischer Imitation und künstlerischer Produktion. Die Aufmerksamkeit soll dabei auch auf die bereits 75 Jahre früher gesche­hene Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg gelenkt werden. Denn diese spielte für die Entstehung und die Verbreitung der Reformation wie auch anderer ideologischer Bewegungen dieser Zeit (Humanismus, Renaissance, Individualismus, Nationalismus...) eine massgebliche Rolle.
Die zweiräumige Manifestation ‹Print! Die ersten Seiten einer Revolution› macht Geschichte greifbar. Gleichzeitig lässt sie einen stutzig werden. So steht im ersten, von Tageslicht gefluteten Raum das Faksimile einer Druckerpresse aus dem 16. Jahrhundert. Auf dieser darf nicht nur das Publikum mittun, auch zahlreiche Prominente wurden zum Photoshooting beim Drucken einer Bibel geladen. Dabei handelt es sich um eine durch fünfzig Schriftsteller/innen vorgelegte Übersetzung ins Französische. An den springenden Punkten der Revolution schrammt man dabei jedoch vorbei. So wird nicht mit in Setzrahmen gefügten Bleilettern gearbeitet, sondern mit in Nylonplatten gepressten Computerlayouts, und nicht Hunderte oder Tausende von Exemplaren werden hergestellt, sondern so etwas wie eine Monotypie.
Im zweiten, nachtblau getünchten Raum leuchten dagegen als Allusion an das Buch von Marshall McLuhan ‹The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man› von 1962 einige Originale von ‹Bestsellern› aus dem 16. Jahrhundert auf. Auch je eine ältere, religiös gefärbte Arbeit von John Armleder (Dornenkrone aus Gold) und Mai-Thu Perret (konische Spirale aus Neon) sowie extra zum Thema gefertigte Werke von Marc Bauer (Wandzeichnung mit Werkzeugen) und Vidya Gastaldon (Collage einer Vita Christi) sind eingefügt. Diesen vier Genfer Kunstschaffenden trauten Gabriel de Monmollin und Juri Steiner offenbar am ehesten zu, die unter der Druckerpresse im Entstehen begriffene Bibel zu illustrieren.
«On verra bien», wie man im Welschland sagt. Nach wie vor Work in Progress lässt diese Jubiläumsbibel im Moment vor allem erahnen, wie konfus wir oft zwischen all den verschiedenen, heute bekannten Kommunikations- und Überlieferungstechniken hin und her wechseln - von rituellen über handwerkliche und maschinelle bis zu elektronischen und digitalen.

Bis: 31.10.2017



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Ausgabe 10  2017
Ausstellungen Print! [04.06.17-31.10.17]
Institutionen Musée international de la Réforme [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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